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Deklaration
der Menschenrechte Sterbender
(Diese
Deklaration der Menschenrechte entstand während eines Workshops unter dem
Thema
„Der Todkranke und der Helfer“ in Lansing/Michigan (USA) und ist
abgedruckt in der Broschüre
„Zu Hause sterben“, herausgegeben von Anne Busche und Johann-Christoph
Student, Hannover 1986.)
Ich
habe das Recht,
bis zu meinem Tode wie ein lebendiges
menschliches Wesen behandelt zu werden.
Ich
habe das Recht,
stets noch hoffen
zu dürfen,
worauf
immer sich diese Hoffnung auch richten mag.
Ich
habe ein Recht darauf,
von Menschen umsorgt zu werden,
die sich eine hoffnungsvolle Einstellung zu bewahren vermögen –
worauf immer sich diese Hoffnung auch richten mag.
Ich
habe das Recht,
Gefühle und Emotionen anlässlich meines nahenden Todes
auf die mir
eigene Art und Weise ausdrücken zu dürfen.
Ich
habe das Recht,
kontinuierlich medizinisch und pflegerisch versorgt zu werden,
auch wenn das Ziel „Heilung“
gegen
das Ziel „Wohl-befinden“
ausgetauscht werden muss.
Ich
habe das Recht,
nicht alleine
zu sterben.
Ich
habe das Recht,
schmerzfrei zu sein.
Ich
habe das Recht,
meine Fragen ehrlich beantwortet zu bekommen.
Ich
habe das Recht,
nicht getäuscht zu werden.
Ich
habe das Recht,
von meiner Familie und für meine Familie Hilfen zu bekommen,
damit ich meinen Tod annehmen kann.
Ich
habe das Recht,
offen und ausführlich
über meine religiösen und/oder
spirituellen
Erfahrungen zu sprechen,
unabhängig davon, was dies für andere bedeutet.
Ich
habe das Recht
zu erwarten, dass die
Unverletzlichkeit des
menschlichen Körpers
nach
dem Tode respektiert
wird.
Ich
habe das Recht,
meine Individualität zu bewahren
und meiner Entscheidungen wegen auch dann nicht verurteilt zu werden,
wenn diese in Widerspruch zu den Einstellungen anderer stehen.
Ich
habe das Recht,
von fürsorglichen, empfindsamen und klugen Menschen umsorgt zu
werden,
die sich bemühen,
meine Bedürfnisse zu verstehen
und die fähig sind,
innere
Befriedigung daraus zu gewinnen, dass sie mir helfen, meinem Tode
entgegenzusehen.
Ich
habe das Recht,
in Frieden und Würde zu sterben.
Weil ich mit meinem Tod
nicht sprechen kann ...
St. Exupéry's Kleiner
Prinz lernte vom Fuchs:
"Jemanden zähmen ist eine in Vergessenheit geratene Sache.
Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs.
"Es bedeutet: Sich vertraut machen."
Weil ich mit meinem Tod
nicht sprechen kann,
muss ich mit anderen Menschen über ihn sprechen,
um mit ihm vertraut zu werden.
Wir dürfen den Tod nicht altmodisch werden lassen
wie den schwarzen Mantel,
den wir nur zu Beerdigungen aus dem Schrank nehmen.
Auch Kinder verstehen
Worte vom Tod,
wenn sie dabei an die Hand genommen werden,
genau wie ihnen auch Fernsehen bekommt,
wenn mit ihnen darüber gesprochen wird.
Es ist gut, dass
Eltern und im besten Falle die ganze Familie
neun Monate die Geburt eines Menschen bedenken kann,
bevor sie ihm begegnen.
Es ist gut, wenn im
besten Fall eine ganze Familie weiß,
dass es der Vorbereitung bedarf,
damit ein Mensch in Würde seinem Tod begegnen kann.
Jutta Kapp
Mitglied der IGSL-Hospizgruppe
Seligenstadt
Wenn
ich noch einmal zu leben hätte,
Ein 85-jähriger Mann, der auf dem Sterbebett lag und der wusste, dass er bald sterben würde,
sagte:
Wenn ich noch einmal zu leben hätte,
... dann würde ich mehr Fehler machen; ich würde versuchen, nicht so
schrecklich perfekt zu sein,
... dann würde ich mich mehr entspannen und vieles nicht mehr so ernst
nehmen,
... dann wäre ich ausgelassener und verrückter; ich würde mir nicht
mehr so viele Sorgen machen um mein Ansehen,
... dann würde ich verreisen, mehr Berge besteigen, mehr Flüsse
durchschwimmen und mehr Sonnenuntergänge beobachten,
... dann würde ich mehr Wein trinken,
... dann hätte ich mehr wirkliche Schwierigkeiten als nur eingebildete,
... dann würde ich früher im Frühjahr und später im Herbst barfuß
gehen,
... dann würde ich mehr Blumen riechen, mehr Kinder umarmen und mehr
Menschen sagen, dass ich sie liebe.
Wenn ich noch einmal zu leben hätte, aber ich habe es nicht...
Die
Zeit
Überhaupt
keine Zeit
gar keine Zeit
ganz wenig Zeit
immer weniger Zeit
für nichts Zeit
sehr arm an Zeit
ohne freie Zeit
die Zeit fehlt
wirklich knapp an Zeit
schade, leider keine Zeit
ständig in Zeitnot
die Zeit, die Zeit!
Die Zeit ist um!!!
Zwei
Blätter am Ast
Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen.
Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und ragte weit
hinaus zur Wiese. An seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter
zusammen.
„Es
ist nicht mehr wie früher“, sagte das eine Blatt. „Nein“, erwiderte
das andere. „Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind
beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.“
„Man
weiß nicht, wen es trifft“, sagte das erste. „Als es noch warm war
und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch,
und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung
waren. Man weiß nicht, wen es trifft.“
„Jetzt
scheint die Sonne nur selten“, seufzte das zweite Blatt, „und wenn sie
scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.“
„Ob
es wahr ist“, meinte das erste, „ob es wohl wahr ist, dass an unserer
Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer
wieder…“
„Es
ist sicher wahr“, flüsterte das zweite, „man kann es gar nicht
ausdenken… es geht über unsere Begriffe…“ „Und man wird auch noch
traurig davon“, fügte das erste hinzu.
Sie
schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: „Warum wir
wohl weg müssen…?“ Das zweite fragte: “Was geschieht mit uns, wenn
wir abfallen…?“
„Wir
sinken hinunter…“
„Was
ist da unten?“
Das
erste antwortete: „Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere
dies… aber niemand weiß es.“
Das
zweite fragte: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß,
wenn man dort unten ist?“ Das erste erwiderte: „Wer kann das sagen? Es
ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, um
davon zu erzählen.“
Wieder
schwiegen sie. Dann redete das erste Blatt zärtlich zum anderen: „Gräme
dich nicht zu sehr, du zitterst ja.“
„Lass
nur“, antwortete das zweite, „ich zittere jetzt so leicht. Man fühlt
sich eben nicht mehr so fest an seiner Stelle.“
„Wir
wollen nicht mehr von solchen Dingen sprechen“, sagte das erste Blatt.
Nun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich
kalt und feindselig durch die Baumwipfel.
„Ach…
jetzt…“ sagte das zweite Blatt, „…ich…“ Da brach ihm die
Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gelöst und schwebte hernieder. –
Nun war es Winter.
(Felix
Salten)
Im
Angesicht des Todes
Wenn
es soweit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.
Bleibe still neben mir in dem Raum,
jag‘ den Spuk, der mich schreckt, aus dem Traum.
Sing ein Lied vor dich hin, das ich mag,
und erzähle, was war an so manchem Tag.
Zünd ein Licht an, das Ängste verscheucht,
mach die trockenen Lippen mir feucht.
Wisch mir Tränen und Schweiß vom Gesicht,
der Geruch des Verfalls schrecke dich nicht.
Halt ihn fest, meinen Leib, der sich bäumt,
halte fest, was der Geist sich erträumt.
Spür das Klopfen, das schwer in mir dröhnt,
nimm den Lebenshauch wahr, der verstöhnt.
Wenn
es soweit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.
(Verfasser
unbekannt)
Ein Leben nach dem Tode
Glauben
Sie, fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte
Dort
Ich
wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur
Nur
Liebe frei gewordene
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend
Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
Liebkosung schöne Bewegung
Wie einst von tyrrhenischen Wellen
Wie von Worten die hin und her
Wortfetzen
Komm du komm
Schmerzweb
mit Tränen besetzt
Berg-und-Tal-Fahrt
Und deine Hand
Wieder in meiner
So
lagen wir lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entlässt mich und immer
So fort
Mehr
also fragen die Frager
Erwarten sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte:
Weniger nicht.
(M.L.
Kaschnitz)
Das Blau der Ferne klärt
sich schon vergeistigt und gelichtet
zu jenem süßen Zauberton, den nur
der September dichtet.
Der reife Sommer über Nacht will sich zum Feste färben,
da alles in
Vollendung lacht und willig ist zu sterben.
Entreiß dich, Seele, nun der Zeit, entreiß dich deinen Sorgen
und mache
dich zum Flug bereit in den ersehnten Morgen.
(Hermann Hesse)
Eine
Liebe erwartet mich
Was
auf der anderen Seite passieren wird,
wenn
alles für mich
in
die Ewigkeit gestürzt sein wird,
das
weiß ich nicht.
Ich
glaube, ich glaube allein,
dass
eine Liebe mich erwartet.
Zwar
weiß ich, dass es dann für mich
arm
und ohne Gewicht darum geht
meine
Bilanz abzuschließen
Aber
denkt nicht, dass ich verzweifeln werde.
Ich
glaube, ich glaube so sehr,
dass
eine Liebe mich erwartet!
Das,
was ich geglaubt habe, werde ich noch fester glauben
beim
Schritt in den Tod.
Es
ist eine Liebe,
auf
die ich zugehe im Schreiten;
Es
ist eine Liebe,
in
die ich sanft hinabsteige.
Wenn
ich sterbe, weint nicht;
Es
ist eine Liebe, die mich nimmt.
Wenn
ich Angst habe, und warum nicht? -
Erinnert
mich einfach,
dass
eine Liebe, eine Liebe mich erwartet.
Sie
wird mich ganz öffnen
für
ihre Freude, ihr Licht.
Ja
Vater, ich komme zu Dir.
In
dem Wind,
von
dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht,
zu
Deiner Liebe, Deiner Liebe, die mich erwartet.
Nach
dem französischen Gedicht einer Karmelitin, Mutter Genevieve,
dem
Karmel von Montpellier 1973 gewidmet.
(Übersetzung
Schwester Magdalena Stoltz, IBMV)
Tod
Tod, du Unerbittlicher
und dennoch Freund
Welche Worte wir Dir auch
geben
Wie erwartet, überraschend, hart oder
barmherzig
Was könnte je Dich
fassen, Dich beschreiben?
Du unser ständiger
Begleiter und tiefster Lehrer.
Du lehrst uns die völlige
Unselbstverständlichkeit, leben zu dürfen
und die unsagbare
Kostbarkeit.
Es ist so seltsam, gerade
Du lehrst Freude,
Du lehrst uns jeden Tag
als heilig zu begrüßen,
und die Schönheit und
den Zauber des Lebens.
Du lehrst uns das Lied
des Dankes für die Geschenke des Augenblicks,
Du lehrst die Frage:
Was ist wichtig?
Wie jemand fragte,
nachdem er lang gesessen vor den Verbrennungsstätten.
Wenn wir Dich sehen,
schauen wir in den Spiegel unseres Lebens,
und es kommt eine große
Klarheit.
In Deinem Spiegel sehen
wir, wie wir leben.
Du lehrst uns, unsere
Prioritäten zu bedenken.
Und wenn ich mich aufrege
über irgendetwas, dann schenkst Du mir Gelassenheit:
Ich brauche mich nur zu
erinnern, dass Du neben mir bist.
Du rufst so sehr in den
Augenblick und lehrst uns, in ihn zu erwachen
und dass er das einzige
ist, was wir haben.
Du zeigst die Illusion
allen Aufschiebens, und dass nur das Jetzt zählt.
Du zeigst uns die vibrierende Schönheit des Augenblicks.
Du großer Lehrer des
Mitgefühls, Du lehrst uns Güte.
Du lehrst uns Güte mit
unseren Fehlern.
Sie sind relativ.
Du lehrst uns in Deiner
Tiefe Mitgefühl für uns alle, füreinander und für uns selbst:
Wir alle werden von Dir
berührt werden.
Du lehrst uns, unseren
urteilenden Geist in das Herz sinken zu lassen.
Du lehrst Vergebung füreinander
und für uns selbst,
und welche Weite der
Frieden birgt.
Du lehrst uns Liebe,
indem Du uns unsere einmalige Schönheit und unsere gewaltige
Zerbrechlichkeit zeigst.
Unerbittlich fragst Du
nicht nach dem Alter, nicht nach der Jugend der Jahre -
denn Du bist immer da.
Du zeigst das Wunder des
Körpers und seine Kostbarkeit.
Und Du zeigst, wie
gewaltig seine Verwandlungen sein können und zu welchem Leid er fähig
ist.
Und ein Empfinden taucht
auf von Dank für die Geschenke der lindernden Medizin.
Du lehrst uns Zärtlichkeit
für unser aller vergänglichen Körper und für die Tiefe der Seele,
die
so sehr aufscheinen kann, wenn seine Veränderungen jenseits jeglicher
Kontrollierbarkeit sind.
Du zeigst uns die
Heiligkeit der letzten Atemzüge und des Atems überhaupt.
Und wenn der Körper von
Dir berührt worden ist, ist da ein überwältigendes Empfinden von
In-Ordnung-Sein und eine
große Weite -
Und oft erscheint ein Lächeln
nicht zu erklären-
Vollkommene
Unbegreiflichkeit.
Du zeigst uns Deine Größe und unsere Kleinheit und unsere
Nacktheit,
und schenkst ein Ahnen,
dass unser wirkliches Wesen unermesslich ist --
Du zeigst uns unsere
Gemeinsamkeit,
und dass sie viel
wirklicher ist als unsere Besonderheit,
auch wenn unsere Kultur
es genau anders betont.
Wie viel gibt es in ihr,
die Materielles so wichtig nimmt,
was auf Dich vorbereitet?
Du zeigst so viel Härte
und so viel Liebe zugleich.
Es gibt freie Menschen,
die in Deiner Nähe heiter sind und den Eindruck haben,
aus
ihrem Zentralgefängnis entlassen zu werden.
Und ausgerechnet Du
lehrst Humor, eine Heiterkeit der Seele.
Denn was gibt es schon,
was Du nicht relativierst?
Du zeigst uns, dass die
Solidität der Dinge, die wir für so stabil halten,
eine scheinbare ist.
Du lehrst uns, dass es
nichts gibt, was nicht verschwindet,
überhaupt nichts in der
Welt der Erscheinungen ...
Du zeigst ihre Leerheit
und ihren Zauber zugleich.
Du schwer Erträglicher bist nichts Besonderes und vollkommen natürlich.
Und doch bist Du
unermesslich und eine Quelle vielleicht aller Religion.
Du bist völlig im Sein
und ganz in seinem Arm,
und doch die tiefste
Anfrage für unser Bewusstsein.
Es ist ganz unmöglich, sich
an Dich zu gewöhnen,
vielmehr zeigst Du die
Ungewöhnlichkeit von allem.
Du zeigst uns, dass wir
in einer gewaltigen Wirklichkeit leben -
jenseits aller Konzepte
des Denkens und jenseits all seiner Gewohnheiten -
Für das Ich, das sich
wichtig nimmt, bist Du eine Beleidigung.
Denn Du zeigst ihm, was
es ist, und machst sichtbar
die unglaublichen
Verhaftungen unseres Geistes,
und wie irreal so vieles
ist, womit er sich beschäftigt -
Du zeigst uns die
Illusion, wenn wir unsere Gedankengebäude für das Leben halten,
und wenn wir glauben,
dass wir der Körper sind -
Beeindruckend
schonungslos zeigst Du die Illusionshaftigkeit jeder Ich-Welt
und jeder
Ich-Wichtigkeit. In Dir dürfen wir vollkommen bedeutungslos sein...
Du zeigst die Nichtigkeit
unserer Vorlieben und Abneigungen,
und Du zeigst durch all
unsere Widerstände und Leiden hindurch,
dass Du vollkommen in
Ordnung bist...
In Deinem Feuer verbrennt
unser oberflächlicher Geist;
unserer Tiefe wirst Du
zum Freund und lädst ein, zu vertrauen
(...was ist so sicher wie
Du...)
Du lehrst uns,
innezuhalten in unserer Geschäftigkeit...
Gewahr zu werden des
Lebens, seiner Schönheit, seiner Fülle -
Gewahr zu werden der
Stille, die so tief sich um uns breitet.
Du bewegst uns, uns zu
verneigen.
Vollkommene
Unbegreiflichkeit, wer kann je Dich fassen, je Dich greifen?
In Dir stirbt alles, was
wir zu sein glauben, alles, wofür wir uns halten,
alles, womit wir uns
identifizieren,
und so lehrst Du die
Frage:
Wer
sind wir? Wer lebt?
Wer stirbt?
Und Du weckst ein Ahnen,
dass das Wirkliche unermessliche Weite ist -
ein Ahnen, dass die Weite
nicht stirbt, ein Ahnen von gänzlicher Unergründlichkeit,
von tiefem Zuhause.
(Maria Dahl)
Memento
Vor
meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur
vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie
soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein
im Nebel tast ich todentlang
Und
lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das
Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der
weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und
die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt:
den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch
mit dem Tod der andern muss man leben.
(Mascha
Kaleko)
Eines Tages überkam sie große Sehnsucht
Es
war einmal eine alte Frau namens Marandella. Sie entstammte einer uralten
Häuptlingsfamilie. Eines Tages überkam sie eine große Sehnsucht.
Nachdem sie viel Leid und Unglück erlebt hatte, wuchs in ihr ein schier
unstillbares Verlangen nach dem, der für all das, was geschieht, die
Verantwortung trägt. Sie wünschte Gott zu begegnen und ihm alles zu erzählen,
was ihr auf dem Herzen lag.
„Ach“
seufzte sie, „wenn ich nur eine lange Leiter hätte! Ich würde einfach
hinaufklettern- so hoch hinauf, bis ich bei Gott anlange“. Deshalb
begann sie auch gleich eine Leiter zu zimmern. Tage-, wochen-, monatelang
fällte sie Bäume und errichtete ein Gerüst, um damit in den Himmel zu
klettern.
Die
„Himmelsleiter“ wuchs täglich um ein paar Meter- und Marandella war
glücklich und zufrieden, denn sie dachte bei sich: “Bald habe ich es
geschafft. Bald bin ich bei Gott!“
Da
geschah etwas Unerwartetes: Die Leiter, das gigantische Gerüst aus
Stangen und Balken, stürzte in sich zusammen. Donnernd und polternd
krachte es in die Tiefe. Marandella kam mit dem Schrecken davon, doch der
Schock war groß. Dennoch lies sie sich nicht unterkriegen. Sie wollte
doch unbedingt Gott finden, also begann sie mit einer neuen Leiter.
Diesmal
baute sie zuerst ein Fundament und dachte auch an kräftige Stützpfeiler.
Aber auch dieser zweite Bau hielt nicht lange und stürzte mit noch mehr
Getöse in sich zusammen als der erste. Was nun???
Marandella
grübelte und grübelte, und am Ende entschloss sie sich, Gott auf andere
Weise zu suchen. Sie nahm einen Stock und ihren Beutel und machte sich auf
den Weg- von Kral zu Kral, von Land zu Land. Überall fragte sie die
Menschen, wo sie Gott finden könnte. Niemand konnte es ihr sagen. Die
meisten belächelten sie, manche fluchten und nannten sie, ihrer
sonderbaren Art wegen, eine Hexe. Aber Marandella lies sich nicht einschüchtern.
Sie wanderte weiter und suchte und suchte. Sie war müde, sie war hungrig
aber sie gab nicht auf. Ihr Verlangen Gott zu finden war zu groß.
So
vergingen die Jahre, und Marandella war immer noch auf der Wanderschaft.
Eines Abends kehrte sie wieder Heim in ihren Kral. Kaum jemand kannte sie
noch, niemand bereitete ihr ein Willkommen.
Als
Marandella von ihren langen Wanderungen berichtete- und von ihrem Wunsch
Gott zu finden, da schlugen die Männer die Hände über dem Kopf zusammen
und die Frauen kicherten. Spott lag auf ihren Lippen.
Da
betrat ein bärtiger Greis den Kral. Niemand wusste, woher er gekommen
war. Sein Haar war grau, und seine Hände zitterten ein wenig. Aber über
sein Gesicht huschte ein waches, freundliches Lächeln. „Marandella“,
begann er „diese Leute da lachen dich aus, weil du Gott suchst. Es sind
dumme Menschen. Gott ist ihnen gleichgültig geworden. Du aber hast ihn überall
gesucht. Hoch über den Wolken erst, dann an den Grenzen der Erde. Hast du
denn nicht gespürt, dass Gott in deinem Herzen wohnt, dass er dich überallhin
begleitet hat? Er war doch immer bei dir. Weißt du nicht, dass Gott immer
da ist, wo gute Menschen sind!?“
Marandella
war so verblüfft, dass sie gar nicht merkte, wie der Greis verschwand.
Genauso unauffällig wie er gekommen war.
Auch
die Leute schlichen sich davon, einer nach dem anderen. Und Marandella war
wieder allein. Aber ihr Antlitz leuchtete- und ein wenig später wurde es
bleich wie der Mond.
Am
nächsten Tag fand man sie tot in ihrer Hütte. Und heute noch erzählen
die Schwarzen, Marandella
habe
in dieser Nacht gefunden, wonach sie ein ganzes Leben lang gesucht hatte.
(Verfasser
unbekannt)
Leben
durch Sterben
Der
Schamane weiß, dass er ein Geist ist,
der
einen größeren Geist sucht.
Der
große Geist kennt den Tod!
Mutter
Erde kennt das Leben.
Wir
alle sind aus dem Geist geboren, und
nachdem
wir gelebt haben, werden wir zu diesem Geist zurückkehren.
Der
Schamane weiß, dass der Tod der Verwandler ist.
Wir
essen keine lebendige Nahrung.
Wir
töten unsere Tiere. Falls das Saatkorn oder die Beere nicht stirbt,
sobald sie gepflückt wird,
so
stirbt sie zwischen unseren Zähnen oder in den ätzenden Säften unseres
Magens.
Alle
Schamanen wissen, dass der Tod allen Dingen Leben gibt.
(Hyemeyhosts
Storm, Medizinmann,
Papua Neuguinea)
Der
Tod
Ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei
einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als
etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine
Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang
aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar
nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückgebliebenen
nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.
(Johann Wolfgang von Goethe)
Stirbt
ein Elternteil, so stirbt die Vergangenheit,
stirbt der Partner, so stirbt die Gegenwart,
stirbt ein Kind, so stirbt die Zukunft.
(Verfasser unbekannt)
Je
schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt
die Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne
nicht wie einen Stachel,
sondern wie ein kostbares Geschenk
in sich.
(Dietrich
Bonhoeffer)
Ich
beginne zu sprechen vom Tod
I
Ich beginne zu sprechen vom Tod
Viele Irrglauben sind verbreitet
Aber wenn man den Wunsch von der Furcht abscheidet
Kommt uns die erste Ahnung von dem, was uns droht
Die
Welt gewinnt, wer das vergisst:
Dass der Tod ein halber Atemzug ist
II
Denn das ist kein Atemzug
Den zu tun noch uns dann verbleibt
Und das ist nicht das Genug
Sondern es ist das Zuwenig, was uns den Angstschweiß austreibt
Weise
ist, wer darin irrt
Und meint, dass er sterbend fertig wird
III
Die Dinge sind, wie sie sind
Ein Gaumen ist immer ein Gaumen, ein Daumen ein Daumen
Aber deinem japsenden Gaumen
Langt nicht ein Wirbelwind
Dein
Hals ist angesägt und leck
Dein Atem pfeift aus dem Spalt hinweg
IV
Dieses wächserne Grubenlicht
Diese steifen Finger auf deinen Leinen
Die Esser um dich mit dem kalten Weinen
Glaub nicht, du merkst sie nicht
Was da um dich steht
und da so weint
Das war der Mensch, das war dein Feind
V
Du kannst ihn nicht fressen mehr
Deine Zähne sind lang wie Rechen
Aber die werden die Nacht noch brechen
Also bleibt dir von nun an der Magen leer
(Bertolt
Brecht)
Keiner
wird gefragt
Keiner
wird gefragt
wann es ihm recht ist
Abschied zu nehmen
von Menschen
von Gewohnheiten
von sich selbst
irgendwann
heißt es
damit umgehen
ihn aushalten
annehmen
diesen Schmerz des Sterbens
dieses Zusammenbrechen
um neu
aufzubrechen
(Dickel/Steigert)
Der Tod ist nichts...
Der Tod ist nichts...
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht keine andere Redeweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das,
worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich,
betet für mich,
damit mein Name ausgesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne irgendeine besondere Betonung,
ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Weshalb soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.
Henry Scott Holland (1847-1918)
(Herzlichen Dank an Miriam Jegottka für die Zusendung
des vollständigen Textes und für die Angabe des Verfassers)
Christiane
Es
stand ein Sternlein am Himmel,
ein Sternlein guter Art;
das tät’ so lieblich scheinen,
so lieblich und so zart!
Ich
wusste seine Stelle
am Himmel, wo es stand;
trat abends vor die Schwelle
und suchte, bis ich’s fand;
Und
blieb dann lange stehen,
hatt’ große Freud’ in mir:
das Sternlein anzusehen;
und dankte Gott dafür.
Das
Sternlein ist verschwunden;
ich suche hin und her,
wo ich es sonst gefunden,
und find es nun nicht mehr.
Matthias
Claudius, 1740 - 1815
(nach dem Tod seiner zwanzigjährigen Tochter Christiane)
Ich habe solche Angst zu sterben.
Aber damit verhindere ich nicht meinen
Tod -
sondern behindere mein Leben.
(Kristiane Allert-Wybranietz)
Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.
(Aristoteles)
Der Tod, den die Menschen fürchten, ist die Trennung der Seele vom Körper.
Den Tod aber, den die Menschen nicht fürchten, ist die Trennung von Gott.
(Aurelius Augustinus)
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