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Letzte Aktualisierung: 24.04.2012

   

Texte und Gedichte
Themenbereich "Sterben und Tod"

Folgende Texte und Gedichten haben wir im Laufe der Zeit gesammelt. Bei einigen fehlen uns leider die Verfasser.
Uns ist auch nicht bekannt, ob die Texte unter Copyright stehen. Wenn Sie von einem uns nicht bekannten Verfasser oder von einem Copyright Kenntnis haben, informieren Sie uns doch bitte:
post@hospiz-verein-bergstrasse.de

 

Deklaration der Menschenrechte Sterbender

(Diese Deklaration der Menschenrechte entstand während eines Workshops unter dem Thema
„Der Todkranke und der Helfer“ in Lansing/Michigan (USA) und ist abgedruckt in der Broschüre
„Zu Hause sterben“, herausgegeben von Anne Busche und Johann-Christoph Student, Hannover 1986.)

 Ich habe das Recht,
bis zu meinem Tode wie ein lebendiges
menschliches Wesen behandelt zu werden.

Ich habe das Recht,
stets noch hoffen zu dürfen,
worauf immer sich diese Hoffnung auch richten mag.

Ich habe ein Recht darauf,
von Menschen umsorgt zu werden,
die sich eine hoffnungsvolle Einstellung zu bewahren vermögen –
worauf immer sich diese Hoffnung auch richten mag.

Ich habe das Recht,
Gefühle und Emotionen anlässlich meines nahenden Todes
auf die mir eigene Art und Weise ausdrücken zu dürfen.

Ich habe das Recht,
kontinuierlich medizinisch und pflegerisch versorgt zu werden,
auch wenn das Ziel „Heilung“
gegen das Ziel „Wohl-befinden“ ausgetauscht werden muss.

Ich habe das Recht,
nicht alleine zu sterben.

Ich habe das Recht,
schmerzfrei zu sein.

Ich habe das Recht,
meine Fragen ehrlich beantwortet zu bekommen.

Ich habe das Recht,
nicht getäuscht zu  werden.

Ich habe das Recht,
von meiner Familie und für meine Familie Hilfen zu bekommen,
damit ich meinen Tod annehmen kann.

Ich habe das Recht,
offen und ausführlich über meine religiösen und/oder
spirituellen Erfahrungen zu sprechen,
unabhängig davon, was dies für andere bedeutet.

Ich habe das Recht
zu erwarten, dass die Unverletzlichkeit des menschlichen Körpers
nach dem Tode respektiert wird.

Ich habe das Recht,
meine Individualität zu bewahren
und meiner Entscheidungen wegen auch dann nicht verurteilt zu werden,
wenn diese in Widerspruch zu den Einstellungen anderer stehen.

Ich habe das Recht,
von fürsorglichen, empfindsamen und klugen Menschen umsorgt
zu werden,
die sich bemühen, meine Bedürfnisse zu verstehen und die fähig sind, 
innere Befriedigung daraus zu gewinnen, dass sie mir helfen, meinem Tode entgegenzusehen.

Ich habe das Recht,
in Frieden und Würde zu sterben.

 

 

Weil ich mit meinem Tod nicht sprechen kann ...

 St. Exupéry's Kleiner Prinz lernte vom Fuchs:
"Jemanden zähmen ist eine in Vergessenheit geratene Sache.
Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs.
"Es bedeutet: Sich vertraut machen." 

Weil ich mit meinem Tod nicht sprechen kann,
muss ich mit anderen Menschen über ihn sprechen,
um mit ihm vertraut zu werden.
Wir dürfen den Tod nicht altmodisch werden lassen
wie den schwarzen Mantel,
den wir nur zu Beerdigungen aus dem Schrank nehmen. 

Auch Kinder verstehen Worte vom Tod,
wenn sie dabei an die Hand genommen werden,
genau wie ihnen auch Fernsehen bekommt,
wenn mit ihnen darüber gesprochen wird.

 Es ist gut, dass Eltern und im besten Falle die ganze Familie
neun Monate die Geburt eines Menschen bedenken kann,
bevor sie ihm begegnen. 

Es ist gut, wenn im besten Fall eine ganze Familie weiß,
dass es der Vorbereitung bedarf,
damit ein Mensch in Würde seinem Tod begegnen kann. 

Jutta Kapp
Mitglied der IGSL-Hospizgruppe Seligenstadt

 

 

Wenn ich noch einmal zu leben hätte,

Ein 85-jähriger Mann, der auf dem Sterbebett lag und der wusste, dass er bald sterben würde, sagte:
Wenn ich noch einmal zu leben hätte,
... dann würde ich mehr Fehler machen; ich würde versuchen, nicht so schrecklich perfekt zu sein,
... dann würde ich mich mehr entspannen und vieles nicht mehr so ernst nehmen,
... dann wäre ich ausgelassener und verrückter; ich würde mir nicht mehr so viele Sorgen machen um mein Ansehen,
... dann würde ich verreisen, mehr Berge besteigen, mehr Flüsse durchschwimmen und mehr Sonnenuntergänge beobachten,
... dann würde ich mehr Wein trinken,
... dann hätte ich mehr wirkliche Schwierigkeiten als nur eingebildete,
... dann würde ich früher im Frühjahr und später im Herbst barfuß gehen,
... dann würde ich mehr Blumen riechen, mehr Kinder umarmen und mehr Menschen sagen, dass ich sie liebe.
Wenn ich noch einmal zu leben hätte, aber ich habe es nicht...

 

Die Zeit

Überhaupt keine Zeit
gar keine Zeit
ganz wenig Zeit
immer weniger Zeit
für nichts Zeit
sehr arm an Zeit
ohne freie Zeit
die Zeit fehlt
wirklich knapp an Zeit
schade, leider keine Zeit
ständig in Zeitnot
die Zeit, die Zeit!
Die Zeit ist um!!!

 

Zwei Blätter am Ast

Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und ragte weit hinaus zur Wiese. An seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter zusammen.

„Es ist nicht mehr wie früher“, sagte das eine Blatt. „Nein“, erwiderte das andere. „Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.“

„Man weiß nicht, wen es trifft“, sagte das erste. „Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiß nicht, wen es trifft.“

„Jetzt scheint die Sonne nur selten“, seufzte das zweite Blatt, „und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.“

„Ob es wahr ist“, meinte das erste, „ob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder…“

„Es ist sicher wahr“, flüsterte das zweite, „man kann es gar nicht ausdenken… es geht über unsere Begriffe…“ „Und man wird auch noch traurig davon“, fügte das erste hinzu.

Sie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: „Warum wir wohl weg müssen…?“ Das zweite fragte: “Was geschieht mit uns, wenn wir abfallen…?“

„Wir sinken hinunter…“

„Was ist da unten?“

Das erste antwortete: „Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere dies… aber niemand weiß es.“

Das zweite fragte: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?“ Das erste erwiderte: „Wer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, um davon zu erzählen.“

Wieder schwiegen sie. Dann redete das erste Blatt zärtlich zum anderen: „Gräme dich nicht zu sehr, du zitterst ja.“

„Lass nur“, antwortete das zweite, „ich zittere jetzt so leicht. Man fühlt sich eben nicht mehr so fest an seiner Stelle.“

„Wir wollen nicht mehr von solchen Dingen sprechen“, sagte das erste Blatt. Nun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich kalt und feindselig durch die Baumwipfel.

„Ach… jetzt…“ sagte das zweite Blatt, „…ich…“ Da brach ihm die Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gelöst und schwebte hernieder. – Nun war es Winter.

(Felix Salten)

 

Im Angesicht des Todes

 Wenn es soweit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.

Bleibe still neben mir in dem Raum,
jag‘ den Spuk, der mich schreckt, aus dem Traum.
Sing ein Lied vor dich hin, das ich mag,
und erzähle, was war an so manchem Tag.
Zünd ein Licht an, das Ängste verscheucht,
mach die trockenen Lippen mir feucht.
Wisch mir Tränen und Schweiß vom Gesicht,
der Geruch des Verfalls schrecke dich nicht.
Halt ihn fest, meinen Leib, der sich bäumt,
halte fest, was der Geist sich erträumt.
Spür das Klopfen, das schwer in mir dröhnt,
nimm den Lebenshauch wahr, der verstöhnt.

Wenn es soweit sein wird mit mir,
brauche ich den Engel in dir.

 (Verfasser unbekannt)

 

Ein Leben nach dem Tode

 Glauben Sie, fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur

 Nur Liebe frei gewordene
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend
Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
Liebkosung schöne Bewegung
Wie einst von tyrrhenischen Wellen
Wie von Worten die hin und her
Wortfetzen
Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt
Berg-und-Tal-Fahrt
Und deine Hand
Wieder in meiner

 So lagen wir lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entlässt mich und immer
So fort

Mehr also fragen die Frager
Erwarten sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte:
Weniger nicht.

(M.L. Kaschnitz)

 

Das Blau der Ferne klärt sich schon vergeistigt und gelichtet 
zu jenem süßen Zauberton, den nur der September dichtet.
Der reife Sommer über Nacht will sich zum Feste färben, 
da alles in Vollendung lacht und willig ist zu sterben.
Entreiß dich, Seele, nun der Zeit, entreiß dich deinen Sorgen 
und mache dich zum Flug bereit in den ersehnten Morgen.

(Hermann Hesse)

 

Eine Liebe erwartet mich

  Was auf der anderen Seite passieren wird,
wenn alles für mich
in die Ewigkeit gestürzt sein wird,
das weiß ich nicht.
Ich glaube, ich glaube allein,
dass eine Liebe mich erwartet.

Zwar weiß ich, dass es dann für mich
arm und ohne Gewicht darum geht
meine Bilanz abzuschließen
Aber denkt nicht, dass ich verzweifeln werde.
Ich glaube, ich glaube so sehr,
dass eine Liebe mich erwartet!

Das, was ich geglaubt habe, werde ich noch fester glauben
beim Schritt in den Tod.
Es ist eine Liebe,
auf die ich zugehe im Schreiten;
Es ist eine Liebe,
in die ich sanft hinabsteige.

Wenn ich sterbe, weint nicht;
Es ist eine Liebe, die mich nimmt.
Wenn ich Angst habe, und warum nicht? -  
Erinnert mich einfach,
dass eine Liebe, eine Liebe mich erwartet.

Sie wird mich ganz öffnen
für ihre Freude, ihr Licht.
Ja Vater, ich komme zu Dir.
In dem Wind,
von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht,
zu Deiner Liebe, Deiner Liebe, die mich erwartet.

  Nach dem französischen Gedicht einer Karmelitin, Mutter Genevieve,
dem Karmel von Montpellier 1973 gewidmet.
(Übersetzung Schwester Magdalena Stoltz, IBMV)

     

 

Tod

Tod, du Unerbittlicher und dennoch Freund
Welche Worte wir Dir auch geben
Wie erwartet, überraschend, hart  oder barmherzig
Was könnte je Dich fassen, Dich beschreiben?
Du unser ständiger Begleiter und tiefster Lehrer.
Du lehrst uns die völlige Unselbstverständlichkeit, leben zu dürfen
und die unsagbare Kostbarkeit.
Es ist so seltsam, gerade Du lehrst Freude,
Du lehrst uns jeden Tag als heilig zu begrüßen,
und die Schönheit und den Zauber des Lebens.
Du lehrst uns das Lied des Dankes für die Geschenke des Augenblicks,
Du lehrst die Frage:
Was ist wichtig? 
Wie jemand fragte, nachdem er lang gesessen vor den Verbrennungsstätten.

Wenn wir Dich sehen, schauen wir in den Spiegel unseres Lebens,
und es kommt eine große Klarheit.
In Deinem Spiegel sehen wir, wie wir leben.
Du lehrst uns, unsere Prioritäten zu bedenken.
Und wenn ich mich aufrege über irgendetwas, dann schenkst Du mir Gelassenheit:
Ich brauche mich nur zu erinnern, dass Du neben mir bist.
Du rufst so sehr in den Augenblick und lehrst uns, in ihn zu erwachen
und dass er das einzige ist, was wir haben.
Du zeigst die Illusion allen Aufschiebens, und dass nur das Jetzt zählt.
Du zeigst uns  die vibrierende Schönheit des Augenblicks.
Du großer Lehrer des Mitgefühls, Du lehrst uns Güte.
Du lehrst uns Güte mit unseren Fehlern.
Sie sind relativ.

Du lehrst uns in Deiner Tiefe Mitgefühl für uns alle, füreinander und für uns selbst:
Wir alle werden von Dir berührt werden.
Du lehrst uns, unseren urteilenden Geist in das Herz sinken zu lassen.
Du lehrst Vergebung füreinander und für uns selbst,
und welche Weite der Frieden birgt.
Du lehrst uns Liebe, indem Du uns unsere einmalige Schönheit und unsere gewaltige Zerbrechlichkeit zeigst.
Unerbittlich fragst Du nicht nach dem Alter, nicht nach der Jugend der Jahre -
denn Du bist immer da.
Du zeigst das Wunder des Körpers und seine Kostbarkeit.
Und Du zeigst, wie gewaltig seine Verwandlungen sein können und zu welchem Leid er fähig ist.
Und ein Empfinden taucht auf von Dank für die Geschenke der lindernden Medizin.
Du lehrst uns Zärtlichkeit für unser aller vergänglichen Körper und für die Tiefe der Seele, 
die so sehr aufscheinen kann, wenn seine Veränderungen jenseits jeglicher Kontrollierbarkeit sind.

Du zeigst uns die Heiligkeit der letzten Atemzüge und des Atems überhaupt.
Und wenn der Körper von Dir berührt worden ist, ist da ein überwältigendes Empfinden von
In-Ordnung-Sein und eine große Weite -
Und oft erscheint ein Lächeln nicht zu erklären-
Vollkommene Unbegreiflichkeit.
Du  zeigst uns Deine Größe und unsere Kleinheit und unsere Nacktheit,
und schenkst ein Ahnen, dass unser wirkliches Wesen unermesslich ist --

Du zeigst uns unsere Gemeinsamkeit,
und dass sie viel wirklicher ist als unsere Besonderheit,
auch wenn unsere Kultur es genau anders betont.
Wie viel gibt es in ihr, die Materielles so wichtig nimmt,
was auf Dich vorbereitet?
Du zeigst so viel Härte und so viel Liebe zugleich.
Es gibt freie Menschen, die in Deiner Nähe heiter sind und den Eindruck haben,
aus ihrem Zentralgefängnis entlassen zu werden.
Und ausgerechnet Du lehrst Humor, eine Heiterkeit der Seele.
Denn was gibt es schon, was Du nicht relativierst?
Du zeigst uns, dass die Solidität der Dinge, die wir für so stabil halten,
eine scheinbare ist.
Du lehrst uns, dass es nichts gibt, was nicht verschwindet,
überhaupt nichts in der Welt der Erscheinungen ...
Du zeigst ihre Leerheit und ihren Zauber zugleich.
Du schwer Erträglicher bist nichts Besonderes und vollkommen natürlich.
Und doch bist Du unermesslich und eine Quelle vielleicht aller Religion.
Du bist völlig im Sein und ganz in seinem Arm,
und doch die tiefste Anfrage für unser Bewusstsein.
Es ist ganz unmöglich, sich an Dich zu gewöhnen,
vielmehr zeigst Du die Ungewöhnlichkeit von allem.
Du zeigst uns, dass wir in einer gewaltigen Wirklichkeit leben -
jenseits aller Konzepte des Denkens und jenseits all seiner Gewohnheiten -
Für das Ich, das sich wichtig nimmt, bist Du eine Beleidigung.  
Denn Du zeigst ihm, was es ist, und machst sichtbar
die unglaublichen Verhaftungen unseres Geistes,
und wie irreal so vieles ist, womit er sich beschäftigt -
Du zeigst uns die Illusion, wenn wir unsere Gedankengebäude für das Leben halten,
und wenn wir glauben, dass wir der Körper sind -
Beeindruckend schonungslos zeigst Du die Illusionshaftigkeit jeder Ich-Welt
und jeder Ich-Wichtigkeit. In Dir dürfen wir vollkommen bedeutungslos sein...
Du zeigst die Nichtigkeit unserer Vorlieben und Abneigungen,
und Du zeigst durch all unsere Widerstände und Leiden hindurch,
dass Du vollkommen in Ordnung bist...
In Deinem Feuer verbrennt unser oberflächlicher Geist;
unserer Tiefe wirst Du zum Freund und lädst ein, zu vertrauen
(...was ist so sicher wie Du...)
Du lehrst uns, innezuhalten in unserer Geschäftigkeit...
Gewahr zu werden des Lebens, seiner Schönheit, seiner Fülle -
Gewahr zu werden der Stille, die so tief sich um uns breitet.
Du bewegst uns, uns zu verneigen.
Vollkommene Unbegreiflichkeit, wer kann je Dich fassen, je Dich greifen?
In Dir stirbt alles, was wir zu sein glauben, alles, wofür wir uns halten,
alles, womit wir uns identifizieren,
und so lehrst Du die Frage:

Wer sind wir?   Wer lebt?   Wer stirbt?

Und Du weckst ein Ahnen, dass das Wirkliche unermessliche Weite ist -
ein Ahnen, dass die Weite nicht stirbt, ein Ahnen von gänzlicher Unergründlichkeit,
von tiefem Zuhause.

(Maria Dahl)

 

 

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.  

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

(Mascha Kaleko)

 

   

Eines Tages überkam sie große Sehnsucht

Es war einmal eine alte Frau namens Marandella. Sie entstammte einer uralten Häuptlingsfamilie. Eines Tages überkam sie eine große Sehnsucht. Nachdem sie viel Leid und Unglück erlebt hatte, wuchs in ihr ein schier unstillbares Verlangen nach dem, der für all das, was geschieht, die Verantwortung trägt. Sie wünschte Gott zu begegnen und ihm alles zu erzählen, was ihr auf dem Herzen lag.

„Ach“ seufzte sie, „wenn ich nur eine lange Leiter hätte! Ich würde einfach hinaufklettern- so hoch hinauf, bis ich bei Gott anlange“. Deshalb begann sie auch gleich eine Leiter zu zimmern. Tage-, wochen-, monatelang fällte sie Bäume und errichtete ein Gerüst, um damit in den Himmel zu klettern.

Die „Himmelsleiter“ wuchs täglich um ein paar Meter- und Marandella war glücklich und zufrieden, denn sie dachte bei sich: “Bald habe ich es geschafft. Bald bin ich bei Gott!“

Da geschah etwas Unerwartetes: Die Leiter, das gigantische Gerüst aus Stangen und Balken, stürzte in sich zusammen. Donnernd und polternd krachte es in die Tiefe. Marandella kam mit dem Schrecken davon, doch der Schock war groß. Dennoch lies sie sich nicht unterkriegen. Sie wollte doch unbedingt Gott finden, also begann sie mit einer neuen Leiter.

Diesmal baute sie zuerst ein Fundament und dachte auch an kräftige Stützpfeiler. Aber auch dieser zweite Bau hielt nicht lange und stürzte mit noch mehr Getöse in sich zusammen als der erste. Was nun???

Marandella grübelte und grübelte, und am Ende entschloss sie sich, Gott auf andere Weise zu suchen. Sie nahm einen Stock und ihren Beutel und machte sich auf den Weg- von Kral zu Kral, von Land zu Land. Überall fragte sie die Menschen, wo sie Gott finden könnte. Niemand konnte es ihr sagen. Die meisten belächelten sie, manche fluchten und nannten sie, ihrer sonderbaren Art wegen, eine Hexe. Aber Marandella lies sich nicht einschüchtern. Sie wanderte weiter und suchte und suchte. Sie war müde, sie war hungrig aber sie gab nicht auf. Ihr Verlangen Gott zu finden war zu groß.

So vergingen die Jahre, und Marandella war immer noch auf der Wanderschaft. Eines Abends kehrte sie wieder Heim in ihren Kral. Kaum jemand kannte sie noch, niemand bereitete ihr ein Willkommen.

Als Marandella von ihren langen Wanderungen berichtete- und von ihrem Wunsch Gott zu finden, da schlugen die Männer die Hände über dem Kopf zusammen und die Frauen kicherten. Spott lag auf ihren Lippen.

Da betrat ein bärtiger Greis den Kral. Niemand wusste, woher er gekommen war. Sein Haar war grau, und seine Hände zitterten ein wenig. Aber über sein Gesicht huschte ein waches, freundliches Lächeln. „Marandella“, begann er „diese Leute da lachen dich aus, weil du Gott suchst. Es sind dumme Menschen. Gott ist ihnen gleichgültig geworden. Du aber hast ihn überall gesucht. Hoch über den Wolken erst, dann an den Grenzen der Erde. Hast du denn nicht gespürt, dass Gott in deinem Herzen wohnt, dass er dich überallhin begleitet hat? Er war doch immer bei dir. Weißt du nicht, dass Gott immer da ist, wo gute Menschen sind!?“

Marandella war so verblüfft, dass sie gar nicht merkte, wie der Greis verschwand. Genauso unauffällig wie er gekommen war.

Auch die Leute schlichen sich davon, einer nach dem anderen. Und Marandella war wieder allein. Aber ihr Antlitz leuchtete- und ein wenig später wurde es bleich wie der Mond.

Am nächsten Tag fand man sie tot in ihrer Hütte. Und heute noch erzählen die Schwarzen, Marandella habe in dieser Nacht gefunden, wonach sie ein ganzes Leben lang gesucht hatte.

(Verfasser unbekannt)   

 

Leben durch Sterben

Der Schamane weiß, dass er ein Geist ist,
der einen größeren Geist sucht.
Der große Geist kennt den Tod!
Mutter Erde kennt das Leben.
Wir alle sind aus dem Geist geboren, und
nachdem wir gelebt haben, werden wir zu diesem Geist zurückkehren.

Der Schamane weiß, dass der Tod der Verwandler ist.
Wir essen keine lebendige Nahrung.

Wir töten unsere Tiere. Falls das Saatkorn oder die Beere nicht stirbt, sobald sie gepflückt wird,
so stirbt sie zwischen unseren Zähnen oder in den ätzenden Säften unseres Magens.

Alle Schamanen wissen, dass der Tod allen Dingen Leben gibt.

(Hyemeyhosts Storm, Medizinmann, Papua Neuguinea)

 

 

Der Tod

Ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückgebliebenen nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.

(Johann Wolfgang von Goethe)


 

Stirbt ein Elternteil, so stirbt die Vergangenheit,
stirbt der Partner, so stirbt die Gegenwart,
stirbt ein Kind, so stirbt die Zukunft.

  (Verfasser unbekannt)   

 

Je schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt
die Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne
nicht wie einen Stachel,
sondern wie ein kostbares Geschenk
in sich.

(Dietrich  Bonhoeffer)

 

 

Ich beginne zu sprechen vom Tod

I
Ich beginne zu sprechen vom Tod
Viele Irrglauben sind verbreitet
Aber wenn man den Wunsch von der Furcht abscheidet
Kommt uns die erste Ahnung von dem, was uns droht

Die Welt gewinnt, wer das vergisst:
Dass der Tod ein halber Atemzug ist

II
Denn das ist kein Atemzug
Den zu tun noch uns dann verbleibt
Und das ist nicht das Genug
Sondern es ist das Zuwenig, was uns den Angstschweiß austreibt

Weise ist, wer darin irrt
Und meint, dass er sterbend fertig wird

III
Die Dinge sind, wie sie sind
Ein Gaumen ist immer ein Gaumen, ein Daumen ein Daumen
Aber deinem japsenden Gaumen
Langt nicht ein Wirbelwind

Dein Hals ist angesägt und leck
Dein Atem pfeift aus dem Spalt hinweg

IV
Dieses wächserne Grubenlicht
Diese steifen Finger auf deinen Leinen
Die Esser um dich mit dem kalten Weinen
Glaub nicht, du merkst sie nicht

Was da um dich steht und da so weint
Das war der Mensch, das war dein Feind

V
Du kannst ihn nicht fressen mehr
Deine Zähne sind lang wie Rechen
Aber die werden die Nacht noch brechen
Also bleibt dir von nun an der Magen leer

(Bertolt Brecht)


Keiner wird gefragt

Keiner wird gefragt
wann es ihm recht ist
Abschied zu nehmen
von Menschen
von Gewohnheiten
von sich selbst
irgendwann
heißt es
damit umgehen
ihn aushalten
annehmen
diesen Schmerz des Sterbens
dieses Zusammenbrechen
um neu
aufzubrechen

(Dickel/Steigert)

   

 

Der Tod ist nichts...

Der Tod ist nichts...
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht keine andere Redeweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das,
worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich,
betet für mich,
damit mein Name ausgesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne irgendeine besondere Betonung,
ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Weshalb soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.
 
Henry Scott Holland (1847-1918)

(Herzlichen Dank an Miriam Jegottka für die Zusendung
des vollständigen Textes und für die Angabe des Verfassers)
 

 

Christiane

Es stand ein Sternlein am Himmel,
ein Sternlein guter Art;
das tät’ so lieblich scheinen,
so lieblich und so zart!

Ich wusste seine Stelle
am Himmel, wo es stand;
trat abends vor die Schwelle
und suchte, bis ich’s fand;

Und blieb dann lange stehen,
hatt’ große Freud’ in mir:
das Sternlein anzusehen;
und dankte Gott dafür.

Das Sternlein ist verschwunden;
ich suche hin und her,
wo ich es sonst gefunden,
und find es nun nicht mehr.

Matthias Claudius, 1740 - 1815
(nach dem Tod seiner zwanzigjährigen Tochter Christiane)

 

 

Ich habe solche Angst zu sterben. 
Aber damit verhindere ich nicht meinen Tod - 
sondern behindere mein Leben.
 
 
(Kristiane Allert-Wybranietz)

 

Das Schicksal nimmt nichts, was es nicht gegeben hat.      
(Seneca)  

 

Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.  
(Aristoteles)

 

Der Tod, den die Menschen fürchten, ist die Trennung der Seele vom Körper. 
Den Tod aber, den die Menschen nicht fürchten, ist die Trennung von Gott.
 
(Aurelius Augustinus)