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Stärker als der Tod
Ein halbes Jahr
nach dem Tod ihrer Tochter,
schreibt Sylvia Renz ihre Gedanken nieder,
in denen sie Trauer mit Hoffnung und Leid mit Zuversicht verbindet.
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Ein guter Ort zum Kommen und zum Gehen
Sylvia Renz
berichtet, wie sie die letzten Lebenstagen ihrer Tochter
im Hospiz Bergstraße erlebt und was sie empfunden hat.
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Wir werden
eingetaucht
Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.
Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.
Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden.
(Hilde Domin)
Wer
Schmetterlinge lachen hört
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.
Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Stier, zum Narr, zum Weisen
und kann in einer Stunde,
durchs ganze Weltall reisen.
Wer in sich fremde Ufer spürt,
und den Mut hat, sich zu recken,
der wird allmählich,
ungestört von Furcht,
sich selbst entdecken.
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.
Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genau so sterben,
und ist selbst dann
lebendiger als alle seine Erben.
(Novalis)
Power-Point-Präsentation dazu:
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Mein Herz
weiß längst, wo es Dich suchen soll
Mein Herz weiß längst, wo es Dich suchen soll,
es weiß geborgen Dich im lichten Land.
Mein Aug’ nur, unbelehrbar, sehnsuchtsvoll,
sieht immer noch Dein irdisches Gewand,
geliebtes Bild im leer gewordenen Raum.
Doch Nächte kommen, wo Du nah mir bist,
und manchmal hebst Du mich zu Dir im Traum
und sagst mir, dass mein Schmerz der Schleier ist,
der Dich verhüllt.
Und ich gelobe Dir, was mir am anderen Tag
so schwer erscheint:
In Glanz und Glück zu gehen, Du dort, ich hier.
In Gottes großem Licht sind wir vereint.
(Hella Zahrada)
So geht es
nicht
Im Vorübergehen fragt
Mein Nachbar, wie es geht.
Er fragt nicht, weil er mitgehen will.
Er fragt, weil er weitergehen will.
Ich antworte, es geht.
Aber es geht nicht.
So nicht.
(Rudolf Bohren)
Ich ließ
meinen Engel lange nicht los
Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben –
Und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
Er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, -
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mein Engel mich nicht mehr bewacht.
(Rainer Maria Rilke)
Eine Nacherzählung des Märchens:
„Das Tränenkrüglein“
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, und sie
hatten sich von ganzem Herzen lieb, und der eine konnte nicht ohne den anderen
sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter allen
Menschen und erfasste auch jene Frau, dass sie auf ihr Lager sank und zum Tod
erkrankte.
Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete der Mann bei seiner
geliebten Frau, aber sie starb.
Da erfasste den Mann, der nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein
gewaltiger und namenloser Schmerz, und er aß nicht und weinte, weinte wieder
drei Tage lang und drei Nächte lang ohne aufzuhören und rief nach seiner Frau.
Wie er nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß an der Stelle, wo
seine Frau gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da
ging leise die Tür auf, und der Mann erschrak, denn vor ihm stand seine
verstorbene Frau, in den Händen hielt sie ein Krüglein. Hier, in diesem Krug,
sind alle deine Tränen, die du um mich geweint hast. Ich habe sie alle
gesammelt, als Zeichen, dass du auch jetzt mit mir verbunden bist. Der Krug ist
nun voll. Du brauchst nicht mehr zu weinen. Sie sah erlöst von allem Leid aus,
und sie wandte sich ihm liebevoll zu und sagte: ...
Schlussgebet: Psalm 56,9f.
Mein Elend ist aufgezeichnet bei dir.
Sammle meine Tränen in einem Krug.
Zeichne sie auf in deinem Buch.
Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite.
So gehe ich vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden.
(Ludwig Bechstein)
Ein Leben nach
dem Tode
Glauben Sie - fragte man mich -
an ein Leben nach dem Tode?
Und ich antwortete: ja.
Aber dann wusste ich keine Auskunft zu geben,
wie das aussehen sollte,
wie ich selber aussehen sollte, dort.
Ich wusste nur eines:
Keine Hierarchie von Heiligen
auf goldenen Stühlen sitzend,
kein Niedersturz verdammter Seelen,
nur Liebe,
frei gewordene, niemals aufgezehrte,
mich überflutend!
Kein Schutzmantel,
starr aus Gold,
mit Edelsteinen besetzt -
ein spinnwebenleichtes Gewand,
ein Hauch mir um die Schultern,
Liebkosung,
schöne Bewegung,
wie einst von thyrrhenischen Wellen.
Wortfetzen.
Komm du, komm,
Schmerzweh mit Tränen besetzt,
Berg- und Talfahrt.
Und deine Hand wieder in meiner.
So lagen wir, lasest du vor,
schlief ich ein,
wachte auf,
schlief ein,
wache auf.
Deine Stimme empfängt mich,
entlässt mich.
Und immer so fort.
Mehr also – fragen die Frager –
erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte: Weniger nicht.
(Marie Luise Kaschnitz)
Die schwersten
Wege
Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung,
der Verlust,
das Opfer -
sind einsam.
Selbst der Tote,
der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt,
steht uns nicht bei
und sieht zu,
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden,
die sich ausstrecken, ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt,
den der Fuß noch nicht gegangen ist,
aber gehen wird.
Stehen bleiben und sich umdrehen
hilft nicht.
Es muss gegangen sein.
(Hilde Domin)
Die Legende
vom Senfsamen
In einem fernen Land lebte eine Frau, deren einziger
Sohn starb. In ihrem Kummer ging sie zu einem heiligen Mann und fragte ihn:
„Welche Gebete und Beschwörungen kennst du, um meinen Sohn wieder zum Leben zu
erwecken?“
Er antwortete ihr: „Bring mir einen Senfsamen aus
einem Hause, das niemals Leid kennen gelernt hat. Damit werden wir den Kummer
aus deinem Leben vertreiben.“
Die Frau begab sich auf die Suche nach dem
Zauber-Senfkorn. Auf ihrem Weg kam sie bald an ein prächtiges Haus, klopfte an
die Tür und sagte: „Ich suche ein Haus, das niemals Leid erfahren hat. Ist dies
der richtige Ort? Es wäre wichtig für mich.“
Die Bewohner des Hauses antworteten ihr: „Da bist du
an den falschen Ort gekommen“, und sie zählten all das Unglück auf, das sich
jüngst bei ihnen ereignet hatte.
Die Frau dachte bei sich: „Wer kann diesen armen
unglücklichen Menschen wohl besser helfen als ich, die ich selber so tief im
Unglück bin?“ Sie blieb und tröstete sie.
Später, als sie meinte, genug Trost gespendet zu
haben, brach sie wieder auf und suchte aufs Neue ein Haus ohne Leid. Aber wo
immer sie sich hinwandte, in Hütten und Palästen, überall begegnete ihr das
Leid.
Schließlich beschäftigte sie sich ausschließlich mit
dem Leid anderer Leute. Dabei vergaß sie die Suche nach dem Zauber-Senfkorn,
ohne dass es ihr bewusst wurde. So verbannte sie mit der Zeit den Schmerz aus
ihrem Leben.
(Aus China)
Der Mann mit
den Bäumen
Ein älterer Mann in Frankreich. Seine Frau ist
gestorben, dann auch noch sein Sohn. Wofür soll er jetzt noch leben?
Er lässt seinen Bauernhof in einer fruchtbaren Ebene
zurück. Nur fünfzig Schafe nimmt er mit. Er zieht in eine trostlose Gegend in
die Cevennen, fast eine Wüstenlandschaft. Dort kann er vielleicht vergessen.
Weit verstreut liegen fünf Dörfer mit zerfallenen Häusern. Die Menschen streiten
sich; viele ziehen fort. Da erkennt dieser ältere Mann: diese Landschaft wird
ganz absterben, wenn hier keine – Bäume wachsen!
Immer wieder besorgt er sich einen Sack mit Eicheln.
Die kleinen sortiert er aus, auch die mit Rissen wirft er fort. Die guten
kräftigen Eicheln legt er in einen Eimer mit Wasser, damit sie sich richtig voll
saugen. Er nimmt noch einen Eisenstab mit, dann zieht er los. Hier und dort
stößt er den Eisenstab in die Erde, legt eine Eichel hinein. Nach drei Jahren
hat er auf diese Weise hunderttausend Eicheln gesetzt. Er hofft, dass
zehntausend treiben. Und er hofft, dass Gott ihm noch ein paar Jahre schenkt, so
weitermachen zu können. Als er im Jahre 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat
er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen. Da gibt es je einen
Eichenwald von elf Kilometern Länge und drei Kilometern Breite an drei
verschiedenen Stellen!
Und was sonst noch geschehen ist? Die unzähligen
Wurzeln halten jetzt den Regen fest, saugen Wasser an. In den Bächen fließt
wieder Wasser. Es können wieder Weiden, Wiesen, Blumen wachsen. Die Vögel kommen
zurück. Selbst in den Dörfern verändert sich alles: die Häuser werden wieder
aufgebaut, angestrichen. Alle haben wieder Lust am Leben, freuen sich, feiern
Feste. Keiner weiß, wem sie das zu verdanken haben, wer die Luft, die ganze
Atmosphäre geändert hat.
(Jean Giono)
Das
Märchen von der traurigen Traurigkeit
Es
war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon
recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz
eines unbekümmerten Mädchens.
Bei
der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte
nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos.
Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
Die kleine
Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"
Zwei
fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich?
Ich bin die Traurigkeit",
flüsterte die Stimmen stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
"Ach,
die Traurigkeit!"
rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Du
kennst mich?"
fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich
kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja,
aber..."
argwöhnte die Traurigkeit, "warum
flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"
"Warum
sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut,
dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst
du so mutlos aus?"
"Ich...
ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die
kleine alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig
bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl
mir doch, was dich so bedrückt."
Die
Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen?
Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
"Ach,
weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so,
dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die
Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn
ich zu ihnen komme, schrecken sie
zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."
Die
Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie
mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr
falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was
hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur
zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast
ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich
nicht fühlen müssen."
"Oh
ja", bestätigte die alte Frau,
"solche Menschen sind mir schon oft begegnet."
Die
Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und
dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können
sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu
pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht
wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur,
wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden
wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe.
Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie
legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."
Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich
ganz verzweifelt.
Die
kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie
weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das
zitternde Bündel. "Weine
nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll. "Ruh
dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr
alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch
mehr an Macht gewinnt."
Die
Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt
ihre nette Gefährtin: "Aber...
aber – wer bist eigentlich du?"
"Ich",
sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert
wie ein Mädchen: "Ich
bin die Hoffnung."
(Inge
Wuthe)
Trauer
kann man nicht überwinden
wie einen Feind
Trauer kann man nur verwandeln:
den Schmerz in Hoffnung
die Hoffnung in tieferes Leben
(Sascha
Wagner)
Die Brücke
der Trauer
Lange stand
ich vor der schmalen Holzbrücke,
die sich mit ihrem sanften Bogen spiegelte.
Es war eine Brücke zum Hin- und Hergehen,
hinüber und herüber. Einfach so,
des Gehens wegen und der Spiegelungen.
Die
Trauer ist ein Gang hinüber und herüber.
Hinüber, dorthin, wo man mit ihm war.
Alle die Jahre des gemeinsamen Lebens.
Und
dieses Hin- und Hergehen ist wichtig.
Denn da ist etwas abgerissen.
Die Erinnerung fügt es zusammen, immer wieder.
Da ist etwas verloren gegangen.
Die Erinnerung sucht es auf und findet es.
Da ist etwas von einem selbst weggegangen.
Man braucht es. Man geht ihm nach.
Man muss es wiedergewinnen, wenn man leben will.
Man
muss das Land der Vergangenheit erwandern,
hin und her, bis der Gang über die Brücke
auf einen neuen Weg führt.
(Jörg
Zink)
Für die Nennung des Verfassers bedanken wir uns bei Jonas
P. F. Schiller
und Jutta Heinz
Gesegnet
seien alle, die mir jetzt nicht ausweichen.
Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand
reicht,
wenn ich mich verlassen fühle.
Gesegnet seien die, die mich immer noch besuchen,
obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.
Gesegnet seien alle, die mir erlauben, mit dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen.
Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt.
Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen
habe,
sehr schwer zu ertragen ist.
Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen,
sondern geduldig annehmen, wie ich jetzt bin.
Gesegnet seien alle, die mich trösten und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat...
(Marie-Luise
Wölfing)
Lass Deine Augen sich
schließen.
Während Deine Augen sich
schließen und Du Deinen Körper atmen spürst, lass Deine Hand, Deinen
Daumen, auf diesen Punkt in der Mitte der Brust drücken, zwischen
den Brustwarzen, dort wo die Berührung so intensiv gespürt wird.
So empfindsam, wie wir sind. Und drück in den Punkt hinein.
Fühl all das, was zurückdrückt,
Fühl all das, was versucht, Widerstand zu leisten, was den Schmerz
verleugnen will. Die ganze Panzerung. All den Widerstand gegen das Leben.
Drück hinein. Lass den
Schmerz in Dein Herz hinein. Atme diesen Schmerz in Dein Herz hinein. All
die Momente von Selbsthass, all die Ängstlichkeit, all die Zeiten, in
denen Du einfach aus Deiner Haut hättest springen können.
All die Momente, in denen
Du am liebsten tot gewesen wärst. All das wird dort festgehalten, drängt
gegen den Druck, all das verneint das Leben. Lass das Herz brechen. Atme
den Schmerz in das Herz hinein. Lass den Schmerz hinein.
Lass dich selbst hinein.
Drücke in es hinein.
Es ist so lange her, dass
Du ganz in Dein Herz hineingegangen bist. Fühl die Trauer, die genau
unter Deiner Daumenspitze liegt. All die Verluste. All die Momente, in
denen Du weder Dich noch die Menschen, die Du liebst, schützen konntest.
Die Hilflosigkeit. Die Hoffnungslosigkeit. Fühl dies alles, atme diesen
Schmerz in Dein Herz hinein. Lass Deinen Widerstand los. Lass Deinen
Selbst-Schutz los.
Drücke entschlossen in
Dein Herz. Verursache Dir selbst keine Schmerzen, aber lass eine tiefe
Aufmerksamkeit entstehen, für alles was immer dort auftaucht.
Atme in diesen Schmerz
hinein.
Sag ja zu dieser Stelle
in Dir, die weiß, dass alle Menschen, die Du liebst, eines Tages sterben
werden.
Diese Stelle, die weiß,
dass Du schließlich sterben wirst und so vieles unerledigt zurücklässt.
All die Dinge, die Du nicht gesagt hast, all die Liebe, die Du nicht
gegeben hast, all den Schmerz, den Du festgehalten hast, und der jetzt
genau dort zurückdrückt.
Atme durch all dies
hindurch, drücke in diesen Schmerz hinein.
Lass ihn hinein. Lass ihn
in Dein Herz hinein.
Halt nicht fest.
Lass es hinein.
Die zehntausend Kinder,
die genau in diesem Moment verhungern. Den Schmerz von Müttern mit leeren
Brüsten, die versuchen, verhungernde Kinder zu stillen.
Der Schmerz.
All die Gefühle,
missverstanden worden zu sein, nicht geliebt worden zu sein.
Und wie schwer es für
uns ist, zu lieben, wie unglaublich schwer es ist, das Herz offen zu
halten. So erschrocken, voller Zweifel, voller Angst. Lass den
Schutzpanzer in die Mitte Deines Herzens hinein schmelzen, ohne zu drängen,
ohne Dich selbst zu bestrafen. Nimm den Schmerz hinein, nimm ihn hinein
mit jedem Atemzug.
Lass Dein Herz mit jedem
Atemzug sich mit Dir selbst füllen. So vieles ist unausgedrückt
geblieben. Schicht über Schicht deckt das Herz zu. Lass den Schmerz
hinein.
Schaffe Raum für den
Schmerz. Atme ihn ein. Atme ihn ein.
Lass den Schmerz kommen
und lass den Schmerz gehen.
Hab Mitgefühl.
Habe Mitgefühl mit Dir
selbst.
Lass den Schmerz hinaus.
Atme ihn ein und atme ihn
aus.
So viel festgehalten über
so lange Zeit.
Lass alles los. Atme es
aus. Lass Dich selbst in dein Herz hinein. Schaff Raum in Deinem Herzen für
Dich selbst.
Habe Mitgefühl mit Dir.
Lass es kommen und lass
es gehen.
Lass den Daumen in den
Panzer drücken, der die Gefühle von Verlust und Trauer dort bewacht.
Richte die Aufmerksamkeit wie einen einzelnen Lichtstrahl ins Zentrum des
Schmerzes.
Geh tiefer.
Versuche nicht, das Herz
zu beschützen.
Behalte einen gleich
bleibenden sanften Druck im Zentrum der Brust bei, fühl das dort
festgehaltene Leiden.
All die festgehaltenen
Verluste, all die Ängste, die Unsicherheiten, der Selbstzweifel.
Gib dich den Gefühlen
hin. Lass sie alle hochkommen. Lass den Schmerz in Dein Herz hinein. Lass
den Schmerz aus Deinem Herzen hinaus. Jeder Atemzug atmet Bewusstheit in
das Herz, jedes Ausatmen entlässt den Schmerz des ganzen Lebens.
Lass Dich selbst alles
erfahren. Nichts hinzufügen, nichts wegschieben. Nimm einfach wahr, was
da ist, was wir so lange getragen haben. Fühl, wie unvermeidlich es ist,
dass Du jeden verlierst, den Du liebst. Die ohnmächtige Wut, in ein
Universum solch unglaublichen Leidens geworfen worden zu sein.
Die Angst vor dem
Unbekannten. Der Schmerz vor dem Verlust der Liebe. Die Isolation.
Lass Dich in den Schmerz
hineingehen. Atme in ihn hinein. Lass die lange festgehaltene Trauer
schmelzen. Bring sie in eine milde Bewusstheit, die das Festhalten mit
jedem Atemzug auflöst. Lass Dich selbst völlig geboren werden. Sogar
inmitten des Schmerzes.
Lass Dein Herz diesem
Moment gegenüber offen werden. Erlaube der Bewusstheit, ganz in die Mitte
Deines Seins einzudringen. Benutze die Empfindungen und den Trauer-Punkt
so, als ob sie ein Kanal, ein Tunnel zur Mitte Deines Herzens wären, in
ein Universum von Wärme und Liebe.
Fühle, wie Dein Herz
sich in den Raum ausdehnt, der Schmerz dort einfach fließt, wie Angst und
Verlust in erbarmungsvollem Mitgefühl schweben. Atme in die Mitte des
Herzens.
Lass es los. Lass das
Herz sich öffnen, über seine Sehnsucht und seine Trauer hinaus.
Nimm nun Deine Hand weg
und lass sie in Deinem Schoß ruhen.
Fühl wie die
Empfindsamkeit noch anhält, die in der Mitte Deiner Brust pulsiert, so
als ob sie eine Öffnung zu deinem Herzen wäre.
Lass jeden Atemzug in
dieser Wärme und Liebe geschehen.
Atme in Dein Herz hinein.
Ein und aus.
Atme sanft in Dein Herz.
(Dieser Text wurde dem 5.
Kapitel "Exploring
the Unhealed"
des Buches "healing
into Life and Death"
von Stephen Levine, Verlag Anchor Books, USA, entnommen)
Und wenn
du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst immer mein Freund sein.
Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen.
Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen...
Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den
Himmel anblickst und lachst.
(Antoine
de Saint-Exupéry)
Tränen,
die fließen, sind bitter.
Bitterer aber sind die Tränen,
die nicht fließen.
(Irisches
Sprichwort)
(Quelle: Anthony de Mello, "Wer bringt das Pferd zum Fliegen?")
Gebt
Worte Eurem Weh.
Leid, das nicht spricht,
raunt ins gebeugte Herz sich
bis es bricht.
(William Shakespeare)
Tröste
dich, die Stunden eilen, und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen, und es kommt ein andrer Tag.
In dem ew'gen Kommen, Schwinden, wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden ihren Weg zu dir zurück.
Harre, hoffe. Nicht vergebens zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens, und es kommt ein andrer Tag.
(Theodor Fontane)
Die
Frage bleibt ...
Halte dich still, halte dich stumm,
nur nicht forschen, warum? Warum?
Nur
nicht bitt're Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's
dich auch aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.
(Theodor Fontane)
Trauer
als Lebenswurzel
Wenn
du der Trauer tiefste Wurzel findest,
wirst du wie ein Baum sein,
der nah am Wasser gepflanzt ist
und nach dem Bach
die Wurzeln ausstreckt.
Du
hast nichts zu fürchten,
wenn das Wasser im Sturm
über die Ufern tritt.
Du
hast nichts zu befürchten,
wenn die Hitze kommt.
Deine
Blätter bleiben grün,
auch in Zeiten der Dürre
kann es dir nicht bangen.
Du
hörst nicht auf,
Früchte zu tragen.
Du
bist mit deinen Wurzeln fest verbunden.
(Jorgos
Canacakis)
Einsamkeit
Bete,
dass deine Einsamkeit
der Stachel werde,
etwas zu finden,
wofür du leben kannst,
und groß genug,
dafür zu sterben.
(Dag
Hammarskjöld)
Dann
erst dann
Wenn
ich
im Glanz der Sonne
dein Lächeln nicht sehe
Wenn
ich
im Gesang der Vögel
deine Stimme nicht höre
Wenn
ich
in fremden Gesichtern
deines nicht suche
Dann
erst dann
bist du wirklich gestorben.
Helga
Hochmann
Du
musst Abschied nehmen können,
wenn du weitergehen willst.
Sprichwort
Im
Garten der Zeit
wächst die Blume des Trostes
(aus
Rumänien)
Trauer kann in ihrem Fließen am besten in
einem Netz von Beziehungen unterstützt werden.
(Jorgos Canacakis)
Was nicht angenommen wird, kann nicht
geheilt werden.
(Gregor von Nazianz)
Jede Krise hat nicht nur
ihre Gefahren, sondern auch ihre Möglichkeiten.
(Martin Luther King)
Wenn
die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es
sehr still auf der Welt sein.
(Albert Einstein)
Ich
glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte
steh´n, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.
(Arthur
Schopenhauer)
Leiden
und Schmerz sind immer die Voraussetzung umfassender Erkenntnis und eines
tiefen Herzens. Mir scheint, wahrhaft große Menschen müssen auf Erden
eine große Trauer empfinden.
(Fjodor
Michailowitsch Dostojewski)
Wohlangebrachte
Trostworte verwandeln sich in Arzneien, und alles was die Seele
aufrichtet, stärkt den Körper.
(Seneca)
Je
schöner die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung, aber die
Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt
das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares
Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer) |