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Letzte Aktualisierung: 24.04.2012

   

Texte und Gedichte
Themenbereich "Trauer"

Folgende Texte und Gedichten haben wir im Laufe der Zeit gesammelt. Bei einigen fehlen uns leider die Verfasser.
Uns ist auch nicht bekannt, ob die Texte unter Copyright stehen. Wenn Sie von einem uns nicht bekannten Verfasser oder von einem Copyright Kenntnis haben, informieren Sie uns doch bitte:
post@hospiz-verein-bergstrasse.de


 

Stärker als der Tod

Ein halbes Jahr nach dem Tod ihrer Tochter,
schreibt Sylvia Renz ihre Gedanken nieder,
in denen sie Trauer mit Hoffnung und Leid mit Zuversicht verbindet.
 hier klicken (pdf-Datei, 157 KB)

 

Ein guter Ort zum Kommen und zum Gehen

Sylvia Renz berichtet, wie sie die letzten Lebenstagen ihrer Tochter
im Hospiz Bergstraße erlebt und was sie empfunden hat.
hier klicken (pdf-Datei, 436 KB)

 

Wir werden eingetaucht

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut. 

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht. 

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden. 

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden. 

(Hilde Domin)

 

Wer Schmetterlinge lachen hört

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Stier, zum Narr, zum Weisen
und kann in einer Stunde,
durchs ganze Weltall reisen. 

Wer in sich fremde Ufer spürt,
und den Mut hat, sich zu recken,
der wird allmählich,
ungestört von Furcht,
sich selbst entdecken. 

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genau so sterben,
und ist selbst dann
lebendiger als alle seine Erben. 

(Novalis)
Power-Point-Präsentation dazu: hier klicken
 

 

 Mein Herz weiß längst, wo es Dich suchen soll

Mein Herz weiß längst, wo es Dich suchen soll,
es weiß geborgen Dich im lichten Land. 

Mein Aug’ nur, unbelehrbar, sehnsuchtsvoll,
sieht immer noch Dein irdisches Gewand,
geliebtes Bild im leer gewordenen Raum. 

Doch Nächte kommen, wo Du nah mir bist,
und manchmal hebst Du mich zu Dir im Traum
und sagst mir, dass mein Schmerz der Schleier ist,
der Dich verhüllt. 

Und ich gelobe Dir, was mir am anderen Tag
so schwer erscheint:
In Glanz und Glück zu gehen, Du dort, ich hier. 

In Gottes großem Licht sind wir vereint.

 (Hella Zahrada) 

 

So geht es nicht

Im Vorübergehen fragt
Mein Nachbar, wie es geht.
Er fragt nicht, weil er mitgehen will.
Er fragt, weil er weitergehen will.
Ich antworte, es geht.
Aber es geht nicht.
So nicht. 

(Rudolf Bohren)

 

Ich ließ meinen Engel lange nicht los

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß. 

Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben –
Und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
Er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt… 

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, -
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mein Engel mich nicht mehr bewacht. 

(Rainer Maria Rilke)

 

Eine Nacherzählung des Märchens:
„Das Tränenkrüglein“

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, und sie hatten sich von ganzem Herzen lieb, und der eine konnte nicht ohne den anderen sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter allen Menschen und erfasste auch jene Frau, dass sie auf ihr Lager sank und zum Tod erkrankte.
Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete der Mann bei seiner geliebten Frau, aber sie starb.
Da erfasste den Mann, der nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und er aß nicht und weinte, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne aufzuhören und rief nach seiner Frau.
Wie er nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß an der Stelle, wo seine Frau gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Tür auf, und der Mann erschrak, denn vor ihm stand seine verstorbene Frau, in den Händen hielt sie ein Krüglein. Hier, in diesem Krug, sind alle deine Tränen, die du um mich geweint hast. Ich habe sie alle gesammelt, als Zeichen, dass du auch jetzt mit mir verbunden bist. Der Krug ist nun voll. Du brauchst nicht mehr zu weinen. Sie sah erlöst von allem Leid aus, und sie wandte sich ihm liebevoll zu und sagte: ... 

Schlussgebet: Psalm 56,9f. 

Mein Elend ist aufgezeichnet bei dir.
Sammle meine Tränen in einem Krug.
Zeichne sie auf in deinem Buch.
Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite.
So gehe ich vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden.

(Ludwig Bechstein)

 

Ein Leben nach dem Tode 

Glauben Sie - fragte man mich -
an ein Leben nach dem Tode?
Und ich antwortete: ja.

Aber dann wusste ich keine Auskunft zu geben,
wie das aussehen sollte,
wie ich selber aussehen sollte, dort.

Ich wusste nur eines:
Keine Hierarchie von Heiligen
auf goldenen Stühlen sitzend,
kein Niedersturz verdammter Seelen,
nur Liebe,
frei gewordene, niemals aufgezehrte,
mich überflutend!

Kein Schutzmantel,
starr aus Gold,
mit Edelsteinen besetzt -
ein spinnwebenleichtes Gewand,
ein Hauch mir um die Schultern,
Liebkosung,
schöne Bewegung,
wie einst von thyrrhenischen Wellen.

Wortfetzen.

Komm du, komm,
Schmerzweh mit Tränen besetzt,
Berg- und Talfahrt.

Und deine Hand wieder in meiner.

So lagen wir, lasest du vor,
schlief ich ein,
wachte auf,
schlief ein,
wache auf.

Deine Stimme empfängt mich,
entlässt mich.
Und immer so fort.

Mehr also – fragen die Frager –
erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Und ich antworte: Weniger nicht.

(Marie Luise Kaschnitz)

 

Die schwersten Wege 

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung,
der Verlust,
das Opfer -
sind einsam.

Selbst der Tote,
der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt,
steht uns nicht bei
und sieht zu,
ob wir es vermögen.

Die Hände der Lebenden,
die sich ausstrecken, ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.

Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt,
den der Fuß noch nicht gegangen ist,
aber gehen wird.
Stehen bleiben und sich umdrehen
hilft nicht.

Es muss gegangen sein.

(Hilde Domin) 

 

Die Legende vom Senfsamen

In einem fernen Land lebte eine Frau, deren einziger Sohn starb. In ihrem Kummer ging sie zu einem heiligen Mann und fragte ihn: „Welche Gebete und Beschwörungen kennst du, um meinen Sohn wieder zum Leben zu erwecken?“

Er antwortete ihr: „Bring mir einen Senfsamen aus einem Hause, das niemals Leid kennen gelernt hat. Damit werden wir den Kummer aus deinem Leben vertreiben.“

Die Frau begab sich auf die Suche nach dem Zauber-Senfkorn. Auf ihrem Weg kam sie bald an ein prächtiges Haus, klopfte an die Tür und sagte: „Ich suche ein Haus, das niemals Leid erfahren hat. Ist dies der richtige Ort? Es wäre wichtig für mich.“

Die Bewohner des Hauses antworteten ihr: „Da bist du an den falschen Ort gekommen“, und sie zählten all das Unglück auf, das sich jüngst bei ihnen ereignet hatte.

Die Frau dachte bei sich: „Wer kann diesen armen unglücklichen Menschen wohl besser helfen als ich, die ich selber so tief im Unglück bin?“ Sie blieb und tröstete sie.

Später, als sie meinte, genug Trost gespendet zu haben, brach sie wieder auf und suchte aufs Neue ein Haus ohne Leid. Aber wo immer sie sich hinwandte, in Hütten und Palästen, überall begegnete ihr das Leid.

Schließlich beschäftigte sie sich ausschließlich mit dem Leid anderer Leute. Dabei vergaß sie die Suche nach dem Zauber-Senfkorn, ohne dass es ihr bewusst wurde. So verbannte sie mit der Zeit den Schmerz aus ihrem Leben. 

(Aus China)

 

Der Mann mit den Bäumen

Ein älterer Mann in Frankreich. Seine Frau ist gestorben, dann auch noch sein Sohn. Wofür soll er jetzt noch leben?

Er lässt seinen Bauernhof in einer fruchtbaren Ebene zurück. Nur fünfzig Schafe nimmt er mit. Er zieht in eine trostlose Gegend in die Cevennen, fast eine Wüstenlandschaft. Dort kann er vielleicht vergessen. Weit verstreut liegen fünf Dörfer mit zerfallenen Häusern. Die Menschen streiten sich; viele ziehen fort. Da erkennt dieser ältere Mann: diese Landschaft wird ganz absterben, wenn hier keine – Bäume wachsen!

Immer wieder besorgt er sich einen Sack mit Eicheln. Die kleinen sortiert er aus, auch die mit Rissen wirft er fort. Die guten kräftigen Eicheln legt er in einen Eimer mit Wasser, damit sie sich richtig voll saugen. Er nimmt noch einen Eisenstab mit, dann zieht er los. Hier und dort stößt er den Eisenstab in die  Erde, legt eine Eichel hinein. Nach drei Jahren hat er auf diese Weise hunderttausend Eicheln gesetzt. Er hofft, dass zehntausend treiben. Und er hofft, dass Gott ihm noch ein paar Jahre schenkt, so weitermachen zu können. Als er im Jahre 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen. Da gibt es je einen Eichenwald von elf Kilometern Länge und drei Kilometern Breite an drei verschiedenen Stellen!

Und was sonst noch geschehen ist? Die unzähligen Wurzeln halten jetzt den Regen fest, saugen Wasser an. In den Bächen fließt wieder Wasser. Es können wieder Weiden, Wiesen, Blumen wachsen. Die Vögel kommen zurück. Selbst in den Dörfern verändert sich alles: die Häuser werden wieder aufgebaut, angestrichen. Alle haben wieder Lust am Leben, freuen sich, feiern Feste. Keiner weiß, wem sie das zu verdanken haben, wer die Luft, die ganze Atmosphäre geändert hat. 

(Jean Giono)

 

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. 

Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimmen stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja, aber..."  argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"
"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"
"Ich... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt." Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.

"Ach, weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich  zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest." Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen." "Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu." Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll. "Ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre nette Gefährtin: "Aber... aber – wer bist eigentlich du?"
"Ich", sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein Mädchen: "Ich bin die Hoffnung."

(Inge Wuthe)   

 

Trauer kann man nicht überwinden
wie einen Feind
Trauer kann man nur verwandeln: 
den Schmerz in Hoffnung
die Hoffnung in tieferes Leben

(Sascha Wagner)

 

 

Die Brücke der Trauer

  Lange stand ich vor der schmalen Holzbrücke,
die sich mit ihrem sanften Bogen spiegelte.
Es war eine Brücke zum Hin- und Hergehen,
hinüber und herüber. Einfach so,
des Gehens wegen und der Spiegelungen.  

Die Trauer ist ein Gang hinüber und herüber.
Hinüber, dorthin, wo man mit ihm war.
Alle die Jahre des gemeinsamen Lebens.

Und dieses Hin- und Hergehen ist wichtig.
Denn da ist etwas abgerissen.
Die Erinnerung fügt es zusammen, immer wieder.
Da ist etwas verloren gegangen.
Die Erinnerung sucht es auf und findet es.
Da ist etwas von einem selbst weggegangen.
Man braucht es. Man geht ihm nach.
Man muss es wiedergewinnen, wenn man leben will.

Man muss das Land der Vergangenheit erwandern,
hin und her, bis der Gang über die Brücke
auf einen neuen Weg führt.

(Jörg Zink)
Für die Nennung des Verfassers bedanken wir uns bei J
onas P. F. Schiller
und Jutta Heinz

 

 

Segen der Trauernden

 Gesegnet seien alle, die mir jetzt nicht ausweichen.
Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand reicht,
wenn ich mich verlassen fühle.
Gesegnet seien die, die mich immer noch besuchen,
obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.
Gesegnet seien alle, die mir erlauben, mit dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen.
Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt.
Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen habe,
sehr schwer zu ertragen ist.
Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen,
sondern geduldig annehmen, wie ich jetzt bin.
Gesegnet seien alle, die mich trösten und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat...

(Marie-Luise Wölfing)

 

 

Trauermeditation

Lass Deine Augen sich schließen.

Während Deine Augen sich schließen und Du Deinen Körper atmen spürst, lass Deine Hand, Deinen Daumen, auf diesen Punkt in der Mitte der Brust drücken, zwischen  den Brustwarzen, dort wo die Berührung so intensiv gespürt wird. So empfindsam, wie wir sind. Und drück in den Punkt hinein.

Fühl all das, was zurückdrückt,  Fühl all das, was versucht, Widerstand zu leisten, was den Schmerz verleugnen will. Die ganze Panzerung. All den Widerstand gegen das Leben.

Drück hinein. Lass den Schmerz in Dein Herz hinein. Atme diesen Schmerz in Dein Herz hinein. All die Momente von Selbsthass, all die Ängstlichkeit, all die Zeiten, in denen Du einfach aus Deiner Haut hättest springen können.

All die Momente, in denen Du am liebsten tot gewesen wärst. All das wird dort festgehalten, drängt gegen den Druck, all das verneint das Leben. Lass das Herz brechen. Atme den Schmerz in das Herz hinein. Lass den Schmerz hinein.

Lass dich selbst hinein.

Drücke in es hinein.

Es ist so lange her, dass Du ganz in Dein Herz hineingegangen bist. Fühl die Trauer, die genau unter Deiner Daumenspitze liegt. All die Verluste. All die Momente, in denen Du weder Dich noch die Menschen, die Du liebst, schützen konntest. Die Hilflosigkeit. Die Hoffnungslosigkeit. Fühl dies alles, atme diesen Schmerz in Dein Herz hinein. Lass Deinen Widerstand los. Lass Deinen Selbst-Schutz los.

Drücke entschlossen in Dein Herz. Verursache Dir selbst keine Schmerzen, aber lass eine tiefe Aufmerksamkeit entstehen, für alles was immer dort auftaucht.

Atme in diesen Schmerz hinein.

Sag ja zu dieser Stelle in Dir, die weiß, dass alle Menschen, die Du liebst, eines Tages sterben werden.

Diese Stelle, die weiß, dass Du schließlich sterben wirst und so vieles unerledigt zurücklässt. All die Dinge, die Du nicht gesagt hast, all die Liebe, die Du nicht gegeben hast, all den Schmerz, den Du festgehalten hast, und der jetzt genau dort zurückdrückt. 

Atme durch all dies hindurch, drücke in diesen Schmerz hinein.

Lass ihn hinein. Lass ihn in Dein Herz hinein.

Halt nicht fest.

Lass es hinein.

Die zehntausend Kinder, die genau in diesem Moment verhungern. Den Schmerz von Müttern mit leeren Brüsten, die versuchen, verhungernde Kinder zu stillen.

Der Schmerz.

All die Gefühle, missverstanden worden zu sein, nicht geliebt worden zu sein.

Und wie schwer es für uns ist, zu lieben, wie unglaublich schwer es ist, das Herz offen zu halten. So erschrocken, voller Zweifel, voller Angst. Lass den Schutzpanzer in die Mitte Deines Herzens hinein schmelzen, ohne zu drängen, ohne Dich selbst zu bestrafen. Nimm den Schmerz hinein, nimm ihn hinein mit jedem Atemzug.

Lass Dein Herz mit jedem Atemzug sich mit Dir selbst füllen. So vieles ist unausgedrückt geblieben. Schicht über Schicht deckt das Herz zu. Lass den Schmerz hinein.

Schaffe Raum für den Schmerz. Atme ihn ein. Atme ihn ein.

Lass den Schmerz kommen und lass den Schmerz gehen.

Hab Mitgefühl.

Habe Mitgefühl mit Dir selbst.

Lass den Schmerz hinaus.

Atme ihn ein und atme ihn aus.

So viel festgehalten über so lange Zeit.

Lass alles los. Atme es aus. Lass Dich selbst in dein Herz hinein. Schaff Raum in Deinem Herzen für Dich selbst.

Habe Mitgefühl mit Dir.

Lass es kommen und lass es gehen.

Lass den Daumen in den Panzer drücken, der die Gefühle von Verlust und Trauer dort bewacht. Richte die Aufmerksamkeit wie einen einzelnen Lichtstrahl ins Zentrum des Schmerzes.

Geh tiefer.

Versuche nicht, das Herz zu beschützen.

Behalte einen gleich bleibenden sanften Druck im Zentrum der Brust bei, fühl das dort festgehaltene Leiden.

All die festgehaltenen Verluste, all die Ängste, die Unsicherheiten, der Selbstzweifel.

Gib dich den Gefühlen hin. Lass sie alle hochkommen. Lass den Schmerz in Dein Herz hinein. Lass den Schmerz aus Deinem Herzen hinaus. Jeder Atemzug atmet Bewusstheit in das Herz, jedes Ausatmen entlässt den Schmerz des ganzen Lebens.

Lass Dich selbst alles erfahren. Nichts hinzufügen, nichts wegschieben. Nimm einfach wahr, was da ist, was wir so lange getragen haben. Fühl, wie unvermeidlich es ist, dass Du jeden verlierst, den Du liebst. Die ohnmächtige Wut, in ein Universum solch unglaublichen Leidens geworfen worden zu sein.

Die Angst vor dem Unbekannten. Der Schmerz vor dem Verlust der Liebe. Die Isolation.

Lass Dich in den Schmerz hineingehen. Atme in ihn hinein. Lass die lange festgehaltene Trauer schmelzen. Bring sie in eine milde Bewusstheit, die das Festhalten mit jedem Atemzug auflöst. Lass Dich selbst völlig geboren werden. Sogar inmitten des Schmerzes.

Lass Dein Herz diesem Moment gegenüber offen werden. Erlaube der Bewusstheit, ganz in die Mitte Deines Seins einzudringen. Benutze die Empfindungen und den Trauer-Punkt so, als ob sie ein Kanal, ein Tunnel zur Mitte Deines Herzens wären, in ein Universum von Wärme und Liebe.

Fühle, wie Dein Herz sich in den Raum ausdehnt, der Schmerz dort einfach fließt, wie Angst und Verlust in erbarmungsvollem Mitgefühl schweben. Atme in die Mitte des Herzens.

Lass es los. Lass das Herz sich öffnen, über seine Sehnsucht und seine Trauer hinaus.

Nimm nun Deine Hand weg und lass sie in Deinem Schoß ruhen.

Fühl wie die Empfindsamkeit noch anhält, die in der Mitte Deiner Brust pulsiert, so als ob sie eine Öffnung zu deinem Herzen wäre.

Lass jeden Atemzug in dieser Wärme und Liebe geschehen.

Atme in Dein Herz hinein. Ein und aus.

Atme sanft in Dein Herz.

 

(Dieser Text wurde dem 5. Kapitel "Exploring the Unhealed" des Buches "healing into Life and Death" von Stephen Levine, Verlag Anchor Books, USA, entnommen)

    

 

Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst immer mein Freund sein.
Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen.
Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen...
Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst.

(Antoine de Saint-Exupéry)

 

 

Trauer

Tränen,
die fließen, sind bitter.
Bitterer aber sind die Tränen,
die nicht fließen.

(Irisches Sprichwort)  

 

   

Besitzen und Loslassen

Man besitzt nie etwas wirklich.
Nur eine Zeitlang bewahrt man es auf.
Ist man nicht fähig, es wegzugeben,
wird man selbst festgehalten.
Was immer man sammelt,
muss sein wie Wasser in der hohlen Hand.
Greift man zu, läuft es weg.
Willst du es besitzen, beschmutzt du es.
Lässt du es los, ist es für immer dein.

 (Quelle: Anthony de Mello, "Wer bringt das Pferd zum Fliegen?")
 

Gebt Worte Eurem Weh.
Leid, das nicht spricht,
raunt ins gebeugte Herz sich
bis es bricht.

(William Shakespeare)

 

Tröste dich, die Stunden eilen, und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen, und es kommt ein andrer Tag.
In dem ew'gen Kommen, Schwinden, wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden ihren Weg zu dir zurück.
Harre, hoffe. Nicht vergebens zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens, und es kommt ein andrer Tag.

(Theodor Fontane)

 

 

Die Frage bleibt ...

Halte dich still, halte dich stumm,
nur nicht forschen, warum? Warum?

Nur nicht bitt're Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

(Theodor Fontane)
 


Trauer als Lebenswurzel

Wenn du der Trauer tiefste Wurzel findest,
wirst du wie ein Baum sein,
der nah am Wasser gepflanzt ist
und nach dem Bach
die Wurzeln ausstreckt.

Du hast nichts zu fürchten,
wenn das Wasser im Sturm
über die Ufern tritt.

Du hast nichts zu befürchten,
wenn die Hitze kommt.

Deine Blätter bleiben grün,
auch in Zeiten der Dürre
kann es dir nicht bangen.

Du hörst nicht auf,
Früchte zu tragen.

Du bist mit deinen Wurzeln fest verbunden.

(Jorgos Canacakis)

 

 

Einsamkeit

Bete, dass deine Einsamkeit
der Stachel werde,
etwas zu finden,
wofür du leben kannst,
und groß genug,
dafür zu sterben.

(Dag Hammarskjöld)

   

 

Dann erst dann

Wenn ich
im Glanz der Sonne
dein Lächeln nicht sehe

Wenn ich
im Gesang der Vögel
deine Stimme nicht höre

Wenn ich
in fremden Gesichtern
deines nicht suche

Dann
erst dann
bist du wirklich gestorben.

Helga Hochmann

 

Du musst Abschied nehmen können,
wenn du weitergehen willst.

Sprichwort

 

Im Garten der Zeit
wächst die Blume des Trostes

(aus Rumänien)

 

Trauer kann in ihrem Fließen am besten in einem Netz von Beziehungen unterstützt werden.
(Jorgos Canacakis)

Was nicht angenommen wird, kann nicht geheilt werden.
(Gregor von Nazianz)

Jede Krise hat nicht nur ihre Gefahren, sondern auch ihre Möglichkeiten.
(Martin Luther King)

Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein.
(Albert Einstein)

Ich glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte steh´n, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.
(Arthur Schopenhauer)

Leiden und Schmerz sind immer die Voraussetzung umfassender Erkenntnis und eines tiefen Herzens. Mir scheint, wahrhaft große Menschen müssen auf Erden eine große Trauer empfinden.
(Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Wohlangebrachte Trostworte verwandeln sich in Arzneien, und alles was die Seele aufrichtet, stärkt den Körper.
(Seneca)

Je schöner die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung, aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)