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Spuren
im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen
vorüber gezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?“
Da antwortete er: „Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“
(Von: Margaret Fishback Powers
Copyright ©1964 Margaret Fishback Powers
Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag Gießen.
www.brunnen-verlag.de)
Auferstehung
von den Toten
Es geschah, das in einem Schoss
Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen, die Knaben
wuchsen heran. In dem Maß, in dem ihr Bewusstsein wuchs, stieg die
Freude: „Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es
nicht wunderbar, dass wir leben?“
Die Zwillinge begannen
ihre Welt zu entdecken. Als sie aber die Schnur fanden, die sie mit ihrer
Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude:
„Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit
uns teilt!“
Als die Wochen vergingen
und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie
sich verändert hatten. „Was soll das heißen?“, fragte der eine.
„Das heißt“, antwortete der andere, „dass unser Aufenthalt in
dieser Welt bald ihrem Ende zugeht.“ – „Aber ich will gar nicht
gehen“, erwiderte der eine, „ich möchte für immer hier bleiben.“
– „Wir haben keine andere Wahl“, entgegnete der andere, „aber
vielleicht gibt es ja ein Leben nach der Geburt!“ – „Wie könnte das
sein?“, fragte zweifelnd der erste, „wir werden unsere Lebensschnur
verlieren und wie wollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben
andere vor uns diesen Schoß verlassen und niemand von ihnen ist zurückgekommen
und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, die
Geburt ist das Ende!“
So fiel der eine von
ihnen in tiefen Kummer und sagte: „Wenn die Empfängnis mit der Geburt
endet, welchen Sinn hat dann das Leben in diesem Schoß? Es ist sinnlos.
Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem.“ – „Aber sie muss
doch existieren“, protestierte der andere, „wie sollten wir sonst
hierher gekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben?“
„Hast du je unsere
Mutter gesehen?“, fragte der eine. „Womöglich lebt sie nur in unserer
Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben
besser verstehen können.“
Und so waren die letzten
Tage im Schoß der Mutter gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst.
Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt
verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen. Sie schrieen. Was sie sahen,
übertraf ihre kühnsten Träume.
(Klaus Berger)
Was
es heißt, einen anderen Menschen zu trösten
Den
anderen in den Arm nehmen
ihm
die Hand geben
ihn
an die Brust ziehen
ihm
über das Haar streichen
ihm
sanft die Wange berühren
ihn
ganz fest umarmen
ihn
hin- und herwiegen
ihn
warm halten
ihm
die Hand auflegen
ihm
die Hand aufs Knie legen
den
Kopf über ihn beugen
mit
dem Gesicht ihm ganz nahe kommen
ihn
an der Hand nehmen
ihn
geleiten
das
Kind auf den Arm nehmen
ihm
die Tränen abtrocknen
Wange
an Wange legen
liebevoll
die Hand des anderen küssen
die
Innenfläche beider Hände küssen
den
Namen in die Hand schreiben
mit
ihm schweigen
mit
ihm Musik hören
mit
ihm lesen
mit
ihm beten
mit
ihm wenig und leise sprechen
mit
ihm weinen
ihm
zuhören
ihn
erzählen lassen
ihn
berichten lassen
leise,
behutsame Fragen stellen
nach
ihm fragen
glückliche
Stunden mit ihm in Erinnerung rufen
mit
ihm Bilder und Fotografien anschauen
mit
ihm freundlich reden
Kontakt
mit ihm halten
ihn
der erfahrenen Liebe sicher machen
Gewissheit
der Treue und Liebe vermitteln
ihm
Hilfe zusagen
für
ihn Hilfe suchen
ihm
Beistand versprechen
auf
die unausgesprochenen Rufe antworten
auf
das Schreien hören
mit
ihm das Entsetzen teilen
ihm
die Angst, die Wut und den Zorn nicht ausreden
Beieinandersein
–
in
der Familie
in
der Gruppe
unter
Freunden
die
Zeichen der Not verstehen
die
stumme Bitte begreifen
eigen, dass er sich auf dich verlassen kann
Schutz
zusichern
Zuversicht
stärken
versprechen
zu helfen, zu schützen, zu vermitteln
Zuversicht
teilen, dass eine bessere Zukunft kommen muss
Zuversicht
teilen, dass Heilung und Besserung gelingt
Zusicherung
des Geliebtwerdens
ihm
das Gesicht zuwenden
ihn
anschauen
einfach
neben ihm sitzen
da
sein
auf
ihn zugehen
ihn
liebevoll anschauen
auf
ihn warten
ihn
besuchen
ihm
schreiben
für
ihn sorgen
für
ihn da sein
mit
ihm essen, mit ihm trinken
ihm
nahe sein
über
Nacht bei ihm wachen
bei
ihm bleiben
Trost
nicht aufdrängen
sein
Schweigen respektieren
mit
ihm nach dem Sinn fragen
keine
fertigen Antworten haben
gute
Gedanken in ihm wecken
Gutes
über den Toten sagen
Gutes
über das Verlorene sagen
den
Verlust aussprechen.
Hoffnung
teilen auf Vergebung
Hoffnung
teilen auf Verzeihung
Hoffnung
teilen auf Huld und Gnade.
(Marielene
Leist hat in dem Text zusammengestellt, wie sich das
Bleiben und das Trösten gestalten kann.
Die Autorin hat bei diesem
Text in erster Linie das Trösten eines Trauernden im Sinn.
Aber fast
alles lässt sich auch auf die Begleitung eines Sterbenden anwenden.
Der
Prozess des Sterbens und der Prozess des Trauerns sind sich sehr ähnlich,
weil es bei beiden darum geht, loszulassen und Abschied zu
nehmen.
Vielleicht
wollen Sie das streichen, was für Sie nicht passend ist.)
Licht und Schatten auf
Deinen Wegen:
Beides wird dir Weisung
und Segen, wenn du es als Spiel des Lebens durchschaust und im Wandel dem
Wandellosen vertraust.
Wenn wir uns einsam und
verlassen fühlen, fern vom Versehen der Menschen unsere eigenen schweren
Wege gehen, die niemand mit uns geht, spricht die Natur zu uns:
Die Schneeflocken fallen
zärtlich, tröstlich auf uns nieder, der Wind umarmt und liebkost uns,
die Sonne legt sich wie eine gute, warme Hand auf uns, die Dunkelheit
nimmt uns ans Herz, verbirgt und schützt uns wie eine Mutter
Die
Situation aufnehmen.
Erkennen, dass Du helfen musst.
Einer
ruft Dich. Du wirst gebraucht.
Nimm
Deine Hand zu Hilfe: Streicheln.
Gebrauche
Deinen Mund: Fragen.
Benutze
Dein Ohr: Zuhören.
Verwende
Dein Gehirn: Zusammenhänge klarmachen.
Setze
Dein Herz ein: Alternativen aufzeigen.
Trösten
ist Arbeit an der Seele des Anderen.
In
Zusammenarbeit mit Gott.
(Uwe
Kynast, 1943-1985; aus "Verwaiste
Eltern"
1995)
Das Lied von der Anderwelt
Es
gibt einen See in der Anderwelt,
drin
sind alle Tränen vereint,
die
irgend jemand hätt' weinen sollen
und
hat sie nicht geweint.
Es
gibt ein Tal in der Anderwelt,
da
gehen die Gelächter um,
die
irgend jemand hätt' lachen sollen
und
blieb statt dessen stumm.
Es
gibt ein Haus in der Anderwelt,
da
wohnen wie Kinder beinand'
Gedanken,
die wir hätten denken sollen
und
waren nicht imstand.
Und
Blumen gibt's in der Anderwelt,
die
sind aus der Liebe gemacht,
die
wir uns hätten geben sollen
und haben's nicht vollbracht.
Und
Kommen wir einst in die Anderwelt,
viel
Dunkles wird sonnenklar,
denn
alles wartet dort auf uns,
was
hier nicht möglich war.
(Michael
Ende)
Man muss nie verzweifeln,
wenn einem etwas verloren geht, ein Mensch oder eine
Freude oder ein Glück; es kommt alles noch
herrlicher wieder.
Was abfallen muss, fällt
ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen
vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur
scheinbar im Widerspruch stehen.
Man muss in sich selber
leben und an das ganze Leben
denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte,
denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.
(Rainer Maria Rilke)
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