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Die Gymnasiastinnen Silvia, Lisa & Sulamith (SLS) der Liebfrauenschule
Bensheim interviewten
im Februar 2004 im Rahmen einer Projektarbeit im
Unterrichtsfach Ethik
unsere Palliative-Care-Fachkraft Doris
Kellermann zum Thema „Hospiz und Sterbehilfe“.
Das Interview wurde auf Band aufgenommen, von den
Schülerinnen abgetippt
und uns zur Verfügung gestellt.
Wir haben es in der "Sprech-Sprache" mit seinen
ganzen umgangssprachlichen Formulierungen belassen, um die
Authentizität zu erhalten.
Copyright beim HVB
SLS: Uns hat
beim Thema "Sterbebegleitung und Strebehilfe"
einfach interessiert, wie das so vor sich geht und was man dabei
alles beachten muss, weil wir uns das auch nicht so einfach
vorstellen.
KELLERMANN: Ist
euer Thema „Sterbehilfe“ im Sinne von Euthanasie, von aktiver
Sterbehilfe und die Abgrenzungen juristisch und moralisch oder ist
das Thema auch Sterbebegleitung? Also einfach Begleitung im
Sterben ohne Gift zu geben? Weil die Wörter eben ein bisschen
unklar sind. Im Deutschen ist das Wort Sterbehilfe sehr negativ
besetzt durch diese Euthanasiegeschichte im Dritten Reich. Und es
ist auch ganz klar definiert, was aktive und passive Sterbehilfe
ist und was erlaubt ist und was nicht, während das, was Hospiz im
Wesentlichen macht, eine Begleitung im Sterben ist. Ist euer
Schwerpunkt „Euthanasie“ oder „Begleitung im Sterben“?
SLS: Also, ich
denke beides - wir haben einfach den Begriff „Sterbehilfe“
gekriegt mit den Seiten im Buch. Und da ist ein Teil auch über
Euthanasie, also aktive und passive Sterbehilfe und so weiter und
ein Teil aber auch über Begleitung beim Sterben.
KELLERMANN: Also
es gibt verschiedene Ebenen.
SLS: Ja, genau.
KELLERMANN: Ja,
also das ist überhaupt kein Problem, dass wir darüber reden.
SLS: Okay, also
unsere erste Frage wäre, was Sie denn machen oder welche Aufgaben
Sie haben.
KELLERMANN: Ja,
also ich bin eine Krankenschwester, die extra für diesen
speziellen Bereich ausgebildet ist und Patienten betreut, deren
Krankheiten man nicht heilen kann. Alle meine Patienten haben
Krankheiten, die über kurz oder lang zum Tode führen, meistens
in den nächsten Wochen oder Monaten. Es gibt auch einige
Ausnahmen, bei denen ich den Patient ein bisschen länger betreue.
Aber die terminale Phase ist eben das ganz spezielle Gebiet der
Krankenpflege.
SLS: Und Sie
gehen dann zu den Leuten nach Hause, oder...?
KELLERMANN: Ja. Manche
Leute kommen auch hierher in die Geschäftsstelle, einfach um sich
mal beraten zu lassen. Manche sind noch unsicher, ob der Angehörige
das überhaupt will, oder wenn Probleme da sind, das Thema
anzusprechen, aber es läuft dann darauf hinaus, dass die Leute zu
Hause begleitet werden.
Da ist es so, dass der Patient schon im Mittelpunkt steht, aber
die Angehörigen unbedingt dazu gehören. Dabei ist es auch nicht
selten, dass die Angehörigen mehr Raum in meiner Arbeit einnehmen
als der Patient selbst. Zum Beispiel wenn die Angehörigen ihre
todkranken Kinder pflegen, die Mutter dann ja 24 Stunden für das
Kind da ist, das Kind mich eben gar nicht so dringend braucht,
weil es versorgt ist, aber die Mutter einfach auch jemanden
braucht.
SLS: Okay,
haben Sie schon mal so einen Fall miterlebt, wo die Angehörigen
gar nichts damit zu tun haben wollten und der Patient einfach
Hilfe gebraucht hat, um die Zeit durchzustehen?
KELLERMANN: Es ist
schon gelegentlich so. Das kann man sich ja auch gut vorstellen,
wenn ich so eine schwere Krankheit habe gerade als junger Mensch,
wo man auch sehr mündig und selbstbestimmend mit den Sachen
umgeht und dann gesagt bekommt, du hast jetzt Brustkrebs und
leider schon Lungenmetastasen, da können wir leider nichts mehr
machen, dann ist es ja ein ganz, ganz großes Anliegen, sich damit
auseinander zusetzen. Ich weiß, ich lebe nicht mehr lang, ich
will noch Dinge regeln, Dinge erledigen oder so irgendwas. Und für
den Patienten ist es oft ganz wichtig, darüber zu reden, sich
damit auseinander zusetzen, während das für die Angehörigen oft
ganz schwierig ist, das anzunehmen: ja, es ist wahr, ich verliere
meine Frau oder mein Mann oder mein Vater oder mein Kind.
Es kommt auch öfters vor, dass der Patient sagt, ja bitte kommen
sie unbedingt, das Gespräch tut mir gut und wo die Angehörigen
dann sagen, na ja, es ist ja noch nicht so weit, wir kommen dann
auf Sie zu und jetzt geht es ja noch.
Was auch oft ganz schwierig ist in der Familie, gerade bei Paaren,
dass sie versuchen, sich gegenseitig zu schonen. Also der eine
Ehepartner ist krank, will aber den anderen nicht mit Pflege und
allen möglichen Dingen zur Last zu fallen. Der Kranke merkt,
wie der pflegende Partner sich aufreibt und aufopfert und nicht
mehr kann und will ihn eigentlich schonen und hält deswegen
Sachen zurück, die er eigentlich gerne besprechen würde, während
der Pflegende auch immer denkt, ich muss den Kranken schonen, weil
er denkt, wenn ich jetzt sage, wie schlimm es jetzt ist und wie
kurz eigentlich die Lebenserwartung ist, dann gibt der sich ganz
auf, dann hat der gar keine Hoffnung mehr und in diesem
gegenseitigen Sich-schonen-wollen belügen die sich dauernd. Jeder
macht dem andern was vor, statt dass sie einfach mal eine Stunde
miteinander heulen oder so, aber jeder will den anderen schonen.
Und wenn dann jemand von außerhalb kommt, der dann auch ganz
mutig so etwas anspricht und auch geschult ist, so ein Gespräch
zu führen, zu kontrollieren, ist das oft sehr hilfreich. Und in
manchen Familien ist es schwierig, über Gefühle zu reden.
SLS: Und ist es
nicht auch für Sie selbst schwer, wenn Sie dann alles
mitbekommen, das Familiendrama?
KELLERMANN: Also
die meisten Leute stellen sich diese Arbeit, Hospizarbeit,
schlimmer vor, als sie eigentlich ist. Es ist nicht immer schlimm
und es ist nicht immer traurig und ich bin nicht immer todunglücklich.
Es gibt auch ganz schwere Momente und schwierige Situationen, wo
es auch einen Schmerz gibt, den man mit Morphium nicht wegspritzen
kann, so einen seelischen Schmerz. Das ist manchmal schlimm, aber
es ist ja nicht immer schlimm.
Manchmal ist es auch total schön und wer mich mehr kennt, der weiß
auch, dass ich ein ganz fröhlicher Mensch bin und ganz gern ganz
viel Spaß habe. Natürlich macht man es auch nicht von
einem Tag auf den anderen, man wächst auch so ein bisschen rein
und hat auch so seine Art und Weise damit umzugehen. Ich kann mich
nicht jedes mal ganz da rein begeben und die Trauer so erleben wie
die Angehörigen, ich brauch eine gewisse vernünftige Distanz,
ohne deswegen abzustumpfen oder gleichgültig zu sein. Vieles geht
mir natürlich auch sehr nahe und es gibt auch Situationen, wo man
auch mal die Tränen nicht halten kann, aber ich muss auch wieder
da rausgehen können und das da lassen können.
SLS: Wie sind Sie
denn auf diesen Beruf gekommen, also hatten Sie da nicht Angst vor
solchen Situationen?
KELLERMANN: Ich
habe gleich nach dem Abitur eine Ausbildung in der Pflege gemacht,
habe also Krankenschwester gelernt und dann in einer Klinik ganz
normal auf Station gearbeitet und einfach erlebt, wie unzulänglich
das war. Wir waren überhaupt nicht gut geschult. In der
Ausbildung hat Sterbebegleitung nur einen ganz winzigen Teil eingenommen, wir
waren nicht gut vorbereitet, solche Gespräche zu führen, oder
auch auf ganz viele Sinnfragen und spirituelle Anliegen und
Verzweiflungen einzugehen. Ich habe dann auch gemerkt, ich bin
nicht die einzige, die so denkt - Kolleginnen auch. Und wie
unzufrieden uns das alle gemacht hat. Ich habe dann überlegt,
dass es das ja nicht sein kann. Uns geht es ständig schlecht,
weil wir unsere Arbeit nicht gut machen, und keiner bringt uns bei,
wie wir es besser machen können. Alle sind permanent unzufrieden
und das mit Recht.
Ich habe eine ganz große Sympathie zu England, da habe
ich Jugendaustausch geleitet. In England gibt es ja schon
seit viel längerer Zeit als in Deutschland Hospize, und ich habe
mich dann um einen Weiterbildungsplatz bemüht, um da einen
Einblick zu gewinnen und geschult zu werden und das hat mich dann
so beeindruckt, dass ich gedacht habe, das mach ich doch. Das war
1993 und da war ich ja noch relativ jung.
SLS: Und
dadurch, dass Sie dann den Beruf hatten, sind Sie hier her
gekommen und haben das hier dann gemacht?
KELLERMANN: Genau,
also die hatten mir dort auch eine Stelle angeboten in dem Hospiz.
Dann hab ich gedacht, och das wäre total klasse, hier ist alles
so toll und schön. Aber wenn ich irgendwo arbeite, wo es schon so
gut ist, dann wird dadurch nichts besser. Das wäre natürlich
ganz schön gewesen, aber ich hab gedacht, nee, das machst du nicht,
du bleibst nicht hier.
Ich bin dann zurückgekommen und habe versucht, das hier vor Ort
irgendwie umzusetzen. Im darauf folgenden Jahr haben wir dann
angefangen, Ehrenamtliche zu schulen und uns auch selbst immer
weiter zu bilden, sind ständig auf Seminare gegangen, was die
meisten Leute ziemlich abgespaced fanden, weil ich ja damals noch
total jung war, so 24, 25. Manche dachten schon, ich wäre ein
bisschen crazy, ewig so mit Sterbenden und Toten und was ich denn
daran so erstrebenswert oder bereichernd fände, aber ich muss
wirklich sagen, ich fand die Arbeit von Anfang unheimlich
lehrreich. In den Seminaren wurden eben auch ganz viele Gespräche
geführt. Wenn du sonst in der Krankenpflege Praktikum machst,
lernst du, wie mach ich einen Verband steril, wie mach ich das
besonders schlau, aber es geht wenig um einen selbst. Wenig um Gefühle.
Und das ist bei der Sterbebegleitung halt immer.
SLS: Ist der
Beruf leicht auszuüben? Also, wenn ein Patient stirbt und die
Angehörigen dann sehr traurig sind, kümmern Sie sich dann auch
noch um diese?
KELLERMANN: Das
ist so, dass ich mir dann schon manchmal sagen muss, dass es ja
nicht meine Schuld ist, dass er krank ist. Ich kann nichts dafür,
dass er stirbt, ich kann auch nichts dafür, dass die traurig
sind. Deshalb habe ich dann auch nicht so eine Erwartungshaltung,
dass ich da hin komme und alle Probleme löse oder dass ich komme
und dann ist alles gut. So ist es ja nicht. Es ist alles immer
noch genauso tragisch und genauso furchtbar und der Verlust wird
sein, mit oder ohne mich.
Aber wenn ich dort so ein bisschen für eine friedvollere Umgebung
oder bessere Verdauung und mehr Zusammenarbeit, also wenn ich dazu
nur ein bisschen beitragen kann, dann bin ich eigentlich schon
zufrieden. Man darf auch nicht größenwahnsinnig werden. Und dass
die Leute trotzdem traurig sind, das ist ganz normal. Damit muss
man eben leben und das auch so annehmen.
Ich kann das nicht verhindern, dass die Angehörigen traurig sind.
Ich kann nicht für jemanden trauern, ich kann nicht für jemanden
sterben. Ich kann nur mitgehen und versuchen, zu erleichtern. Und
es ist natürlich oft schwierig. Ich gehe dann meistens so damit
um, dass ich mir sag, ich kann immer nur mein Bestes geben. Und
mehr können die Leute von mir nicht kriegen und wenn ich versuche
mein Bestes zu tun, dann ist das das, was ich leisten kann und
wenn ich mehr will oder versuchen wollte, alles Leid wegzumachen,
überfordere ich mich und gehe daran kaputt.
SLS: Und wenn Ihre
Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden, begleiten Sie die
dann auch noch weiter?
KELLERMANN: Es ist
so, dass ich manchmal von dem Patient erfahre, während er noch im
Krankenhaus liegt, dass er also entlassen werden soll und die
Angehörigen haben keine Ahnung, wie sie das daheim schaffen
sollen. Dann fängt die Begleitung im Krankenhaus an, die Pflege
wird übergeleitet nach Hause, es wird organisiert, dass ein
Pflegedienst kommt, dass die nötigen Geräte da sind,
Sauerstoffgerät und so.
Und wenn ich einen Patient längere Zeit begleite, kommt es aber
auch vor, dass er in dieser Zeit ins Krankenhaus muss. Also, wenn
eine Krebserkrankung eintritt, die vielleicht über ein paar
Monate geht, dann kann es passieren, dass sie einen Darmverschluss
bekommen oder der Tumor blutet oder irgendetwas kommt eben
dazwischen und dann müssen sie ins Krankenhaus für eine
begrenzte Zeit meistens, um operiert zu werden oder so und dann
besuche ich die dort natürlich auch und die Ehrenamtlichen auch.
Wenn sie es schaffen, noch mal entlassen zu werden, geht es dann
wieder zu Hause weiter. Wenn sie im Krankenhaus versterben, dann
gehen wir bis zum Schluss da hin. Manchmal streben wir auch eine
Aufnahme im stationären Hospiz an. Da gibt es in unserer Nähe
aber nur zwei, in Mannheim und in Heidelberg und die sind meistens
voll, also das klappt in den seltensten Fällen, dass wir jemanden
im stationären Hospiz unterbringen können. Also manchmal glückt
das, aber meisten sind die voll.
SLS: Sind das
dann auch so eine Art Krankenhäuser?
KELLERMANN: Das
sind ganz kleine Einrichtungen mit fünf oder sechs oder acht
Betten, wo auch wirklich eine ganz schöne Umgebung mit ganz hoch
qualifiziertem Personal ist und wo das gleiche gemacht wird, was
ich mache, nur im stationären Umfeld. Was für manche Leute sehr
gut ist, weil es zu Hause einfach nicht mehr geht und die Angehörigen
das auch nicht schaffen, zum Beispiel wenn die Patienten jede
Nacht Atemnot haben oder ständig Kot erbrechen, das hält
ja zu Hause keiner aus. Und 24 Stunden Betreuung abdecken im häuslichen
Bereich, das wäre ja ein riesiger Aufwand. Viele Leute haben auch
einfach Angst und sagen, wenn dann die Atemnot wieder losgeht, bis
da der Notarzt kommt oder jemand da ist, das halten wir nicht aus,
die Angst. Wir fühlen uns sicherer in einer stationären
Umgebung. Und dann ist es gut, wenn man in einem stationären
Hospiz unterkommt, wo man dann auch wirklich die letzten Wochen
noch mal gut versorgt wird und wirklich noch mal leben kann und
nicht nur vor sich hin stirbt, wo das Leben auch im Mittelpunkt
steht und getan wird, was noch möglich ist, und nicht nur über
seine Krankheiten und Symptome definiert wird: "das ist der
Herr Müller-Meyer in Zimmer 206 mit dem Lungenkrebs, der nicht
mehr aufsteht", sondern das ist dann "der Herr Müller-Meyer,
der immer noch mit seiner Familie essen kann oder der
immer noch gerne Musik hört oder der immer noch gerne mit seinem
Hund schmust". Dort wird der Mensch eben auch ganz gesehen
und nicht nur über seine Krankheiten. Dass das Leben ist und dass
das Leben ganz viele Facetten hat und nicht nur die Symptome oder
die Krankheiten.
SLS: Das ist
dann aber auch, weil nicht so viele dort sind, oder?
KELLERMANN: Ja,
man kennt die Leute sehr gut, man kann sich auch intensiv mit
ihnen beschäftigen, weil man eben auch sehr gut ausgestattet und
auch dementsprechend qualifiziert ist. Es ist ja ein Unterschied,
ob ich in einem Hospiz arbeite mit sechs Betten oder ob ich im
Altenheim auf einer Station bin mit 36 Bewohnern, ich bin ja die
ganze Zeit horizontal in der Luft, Flur entlang, abends weiß ich
nicht mehr, wie ich heiß vor lauter Rennerei! Oder ob ich meine
sechs, zwar sehr schwer kranke Patienten hab - aber dafür nur
sechs - und mich dann voll und ganz denen widmen kann.
SLS: Und wenn
ein Patient verstirbt, ist dann die Arbeit für Sie erledigt?
KELLERMANN: Ganz
oft bin ich ja nicht in dem Moment dabei, wo er letztendlich
verstirbt, sondern ein Angehöriger zum Beispiel. Manchmal
schaffen es die Angehörigen noch rechtzeitig Bescheid zu sagen,
dann komme ich noch dazu und dann ist es oft sehr hilfreich, wenn
man so ein Ritual findet, sich zu verabschieden. Das Ritual ist
auch ein guter Einstieg in die Trauerarbeit.
Ich sage dann zum Beispiel, jetzt haben Sie vielleicht noch ganz
stark das Gefühl, dass derjenige noch hier ist, sie spüren ihn
noch im Raum, vielleicht gibt es etwas, das Sie ihm noch sagen möchten,
was Sie zu seinen Lebzeiten nicht über die Lippen gebracht haben.
Das kann ein Dank sein oder eine Entschuldigung oder einfach, dass
man ihn lieb gehabt hat. Ich gehe dann auch oft mit gutem Beispiel
voran und sage, ich möchte mich noch bedanken, dass wir so ein
gutes Gespräch hatten oder ich möchte mich entschuldigen,
vielleicht war ich nicht immer geduldig genug. Und dann machen die
anderen das dann oft auch oder im Stillen. Man hat dann nicht das
Gefühl, dass so vieles ungesagt geblieben ist, was oft belastend
ist, wenn man jemanden verliert: "Ach hätte ich meiner
Mutter doch nur noch mal gesagt, wie lieb ich sie gehabt habe"
oder "hätte ich mich bei meinem Mann doch nur noch mal
entschuldigt für..." und solche Rituale finde ich immer ganz
hilfreich, wenn ich es irgendwie einrichten kann. Ach so, dann
frage ich die Angehörigen auch, ob sie wünschen, dass wir
zusammen den Leichnam noch mal waschen und anziehen. Manchmal
wollen das die Angehörigen, manchmal nicht. Dann frage ich, ob
ich es machen soll oder ob es das Bestattungsunternehmen machen
soll.
Wenn ich es einrichten kann, dann gehe ich auch mit auf die
Beerdigung und dann besuche ich die Leute auch noch mal und frage,
ob sie noch mal Gespräche wollen. Ganz oft wollen die Leute auch
einfach noch mal erzählen, wie es denn zum Schluss war und
fragen, haben Sie das auch so empfunden oder so. Und dann gibt es
ja auch das Angebot von Trauerbegleitung. Sie können eine
Einzelbegleitung haben oder Gespräche in einer Gruppe.
SLS: Sie haben
gesagt, dass auch sehr viele ehrenamtlich arbeiten, haben die dann
eine Fortbildung oder so gemacht?
KELLERMANN: Die
Ehrenamtlichen gehen erst in die Sterbebegleitung, wenn sie den
Vorbereitungskurs mitgemacht haben. Das sind 20 Seminareinheiten,
die sich mit dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln befassen.
Wenn das abgeschlossen ist - der Kurs geht ungefähr so über zehn
Monate - findet noch mal ein Gespräch statt, ob die Teilnehmer
sich bereit fühlen auch eine Begleitung zu übernehmen. Manche
sagen "eigentlich habe ich jetzt noch mehr Angst als vorher"
oder "ich bin noch nicht bereit", dann müssen sie das
ja auch nicht. Die meisten sagen aber, "ja, ich möchte jetzt
unbedingt eine Begleitung übernehmen". Dann können sie auch
in eine Begleitung eingeführt werden. Und wenn der Kurs fertig
ist, trifft sich diese Gruppe einmal im Monat, wo dann Probleme
besprochen werden, über Begleitungen berichtet wird, so dass die
nicht allein unterwegs sind und einen Rückhalt in der Gruppe
haben. Also erstens können sie uns jederzeit anrufen, die
Kursleitung oder die Geschäftsstelle oder untereinander und
zweitens haben sie auch die Gruppenabende, um noch mal über ihre
Erlebnisse zu sprechen.
SLS: Ja, also
dann würde ich sagen, wir gehen jetzt zur Sterbehilfe über,
oder? Ja, also wir würden gerne etwas erfahren über die Last,
die die Ärzte auf sich haben. Und es gibt ja einmal aktive
Sterbehilfe, passive Sterbehilfe und indirekte Sterbehilfe. Die
aktive Sterbehilfe ist ja bei uns in Deutschland verboten und
warum?
KELLERMANN: Es ist
so, dass ich jemandem zum Beispiel ein Medikament gebe, dass ihn tötet.
Also, dass jemand sagt, ich halte das nicht mehr aus und ich
ertrage das nicht mehr und jetzt helfen Sie mir, geben Sie mir
eine Spritze oder so und dann gebe ich ihm eben etwas...
SLS: Ach, Sie
machen das?
KELLERMANN: Nein,
nein! Das ist, was aktive Sterbehilfe ist.
SLS: Ach so.
KELLERMANN: Das
ist dann, um ihn vermeintlich von diesem Leid zu erlösen. Das ist
ja die Idee, dass jemand so sehr leidet, dass man es keinem
zumuten kann. "Das ist doch wirklich unwürdig und der wünscht
das ja auch" und dann hilft man ihm beim Sterben, indem man
ihm Gift gibt. Das ist die Idee der aktiven Sterbehilfe. Also ich
tue etwas aktiv, um ihn zum Tode zu bringen, also ich töte den
Menschen. Das ist in Deutschland verboten, Gott sei Dank, das begrüßen
wir sehr. Also wir täten das ohnehin nicht, aber wir sind auch
froh, dass es verboten ist, weil wir eben denken, dass es nicht
unsere Aufgabe ist zu bestimmen, wann jemand stirbt. Wir begleiten
ihn auf diesem Weg zum Tode hin, aber wir bestimmen nicht, wann
der Tod eintritt. Wir können gut darauf verzichten, den Zeitpunkt
des Todes hinauszuziehen durch maximale Intensivtherapie oder so.
Also wenn jemand zum Beispiel im Endstadium von einer
Lungenkrebserkrankung ist, dann kann man ihn ja bestimmt noch
einmal an eine Beatmungsmaschine hängen, damit der drei Tage länger
lebt, darauf können wir gut verzichten, das ist kein Problem,
aber wir verkürzen das Leben auch nicht, indem wir jemandem etwas
geben, was ihn umbringt. Das würden wir nicht tun.
Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen um Euthanasie bitten.
In vielen Ländern ist Euthanasie auch durchaus juristisch legal,
in den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz und so weiter ist
das durchaus möglich, jemanden zu euthanasieren. Wird auch häufiger
gemacht ohne den Wunsch des Patienten, wo einfach die Angehörigen
oder der Arzt sagt, das ist doch wirklich ein furchtbarer Zustand,
der ist schon drei Wochen im Koma, das ist ja kein Leben mehr,
also komm, sind wir uns alle einig, machen wir das jetzt! Also,
das ist durchaus üblich, dass der Patient das gar nicht verlangen
kann, sondern dass andere Leute das beschließen.
In Deutschland ist das verboten. Das ist auch deswegen sinnvoll,
weil die Gründe, warum Menschen um Euthanasie bitten, oft sind,
dass sie Angst haben, Angst vor Schmerzen, Angst vor
Rollenverlust. Also zum Beispiel, dass sie sagen, ich falle jedem
nur zur Last und ich habe nur Schmerzen und merke, wie schlecht es
meiner Familie geht, weil die mich pflegen müssen, die Situation
ist unerträglich und ich will das nicht mehr, dass ich allen nur
zur Last falle. Dann soll doch lieber alles vorbei sein.
Da muss man unterscheiden, ob die Situation erstens verändert
werden könnte oder zweitens deswegen nur so ist, weil sowieso
Defizite da sind: dass die Schmerztherapie eben nicht gut läuft,
dass medizinisch nicht alles ausgeschöpft ist, was möglich ist,
weil die Ärzte zum Beispiel nicht ausreichend qualifiziert sind
oder dass man die Situation von außen durch einen Hospizdienst
verbessern könnte.
Und es gibt nicht selten Patienten, die sagen, "ich habe nur
noch Schmerzen und ich halte es nicht mehr aus und machen Sie
jetzt endlich Schluss, ich will nicht mehr leben, das ist ja so
schrecklich." Wenn die dann mit einer guten Schmerztherapie
eingestellt sind, sagen die nach ein paar Tagen, "ach ich fühle
mich wieder so wohl. Am liebsten würde ich jetzt in den Park
gehen, heute Mittag kommen meine Enkelchen, was bin ich so froh!"
Weil sie dann schmerzfrei sind. Wenn wir diesem Wunsch nach
Euthanasie gleich nachgegeben hätten, dann wäre es das gewesen,
dann hätte man den Mann vielleicht auch um etwas gebracht, noch
um eine Erfahrung beraubt oder etwas, was der noch hätte lernen
sollen.
Es ist auch auffällig, je liberaler ein Land mit Euthanasie
umgeht, desto schlechter sind die Ärzte in der Schmerztherapie,
desto weniger Fachzeitschriften gibt es über Palliativmedizin,
das ist ein ganz klarer Zusammenhang.
Wenn man in der Stadt eine Umfrage macht, "Befürworten Sie
Euthanasie?", dann sagen schon sehr viele Leute, ja also
wirklich, das ist ja unwürdig für jemanden der Schmerzzustände
hat, man müsste doch eigentlich selbst bestimmen können, wann
man stirbt. Wenn man aber Menschen ganz umfangreich darüber aufklärt,
was Palliativmedizin alles kann, dann sagen sehr viel weniger,
dass sie aktive Sterbehilfe befürworten. Und wenn man die
Patienten befragt, sagen das noch viel weniger. Eigentlich sollte
man ja die Leute befragen, die das angeht, also die eine
Krebserkrankung haben.
Und es gibt ein Studie in Berlin, wo über tausend Patienten
befragt wurden, die im Endstadium einer Krebserkrankung waren. Sie
waren sehr gut durch ein Supportteam von Ärzten versorgt, die
Hausbehandlung gemacht haben und gut in Schmerztherapie
ausgebildet waren. Da waren es nur zwei Prozent der Patienten, die
sich vorstellen konnten, mal in eine Situation zu kommen, in der
sie euthanasiert werden wollen. Also es ist schon ein ganz schöner
Unterschied zu etwa sechzig Prozent der Allgemeinheit.
Es gibt noch einen Aspekt. Also ich möchte nicht bestreiten, dass
es Situationen gibt, die schier unerträglich scheinen. Wenn etwas
wirklich einfach schrecklich ist, wo man es nicht bessern kann, wo
einfach alles schwierig ist, die Symptome schwierig, das soziale
Umfeld schwierig, wo man wirklich sagen würde, man betet zu Gott,
dass es nicht mehr lange so geht, weil es keiner mehr aushält. Wenn
man in einer solchen Situationen dann sagt, okay, wir haben die Möglichkeit,
den Menschen zu töten, zu "erlösen" - wenn man das das
erste mal macht, dann macht man sich bestimmt super viele Gedanken,
überlegt hin und her, ist es richtig oder falsch und entscheidet
sich dann dafür. Beim zweiten mal macht man sich auch noch viele
Gedanken, beim dritten mal sagt man, ja wirklich, ich habe es ja
schon zwei Mal gemacht, es war ja richtig, es war ja wirklich eine
Erlösung und man macht sich immer weniger Gedanken und irgendwann
wird es zur Normalität.
Dass man sagt, es stimmt ja, dem geht es ja wirklich sooo schlecht
und die arme Familie, ist ja wahr, komm wir machen das, wir haben
es ja schon so oft gemacht, es war ja in Ordnung. Und dann
gibt es einen Dammbruch, dann ist das irgendwann normal,
und jeder kennt irgendjemanden, der schon mal das mitgemacht hat und
sagt, ja, das war so eine Erlösung, und ach ja, stimmt ja, und
dann ist es dann üblich, dass man das macht.
Und dann kommen gerade auch hochbetagte Menschen in die Situation,
dass sie unter so eine Druck kommen, dass sie sagen, ja die Frau Müller-Meyer,
die hat sich ja damals dann auch euthanasieren lassen, ich bin ja
auch nur Last und was hat denn mein Leben noch für einen Sinn?
Also, es wäre doch besser, ich wäre auch nicht mehr da, ich bin
eh gerade so depressiv und ich halte es ja eh nicht mehr aus. Und
jeder alte Mensch, der in eine Depression kommt und sagt, ich will
nicht mehr leben, der hat gelitten. Also das war jetzt verschärft
gesagt.
SLS: Wo es
dadurch eigentlich erst schlimmer wird?
KELLERMANN: Ja,
man macht sich immer weniger Gedanken. Man nimmt es so hin. Also
es ist ganz schwierig, so ein Dammbruch passiert mal ganz schnell.
Und das war in der NS-Zeit auch so, das kannte jeder und jeder
fand das normal.
SLS: Dann
werden vielleicht auch gar nicht alle Mittel ausgeschöpft, dass
man die Krankheit vielleicht noch heilen könnte?
KELLERMANN: Genau.
Euthanasie ist auch oft nur ein Mangel an
Alternativen. Wenn man eine wirklich gute Versorgung,
Betreuung anbieten könnte, würde der Wunsch meistens
verschwinden. Da muss man auch wirklich immer ganz genau
hingucken, ist das jetzt eine behandlungsfähige Depression oder
hat der sich das wirklich ganz vernünftig und reichlich überlegt.
Es sterben in Deutschland bestimmt mehr Leute an einer Depression
als an Lungenkrebs, weil sie sich in der Depression suizidieren. Schwer
depressive Leute sagen immer mal, ich will nicht mehr leben
oder ich halte es nicht mehr aus. Und wenn man das nicht
hinterfragt und einfach so hinnimmt, kann das schwierig werden.
SLS: Aber dann
gibt es ja auch wieder die Möglichkeit mit der Patientenverfügung,
da haben die Patienten ja auch die Möglichkeit, sich, ja, nicht
sich umbringen zu lassen, aber in dem Moment, wo sie es
unterschreiben, sind sie vielleicht noch gesund und haben sich das
reichlich überlegt, aber wenn sie dann wirklich mal sterbenskrank
werden, oder einfach nur eine Routine-OP haben und dann
Herzversagen haben, dann dürfen sie ja nicht wiederbelebt werden.
KELLERMANN: Ja,
also die Patientenverfügung befürworten wir ja unbedingt. Weil
die Leute sich einfach Gedanken machen, wie stehe ich zu meinem
Lebensende. Und warum nicht jetzt eine Entscheidung treffen,
um die Verantwortung auch meinen Angehörigen abzunehmen. Natürlich
gibt es viele Dinge, die man bei so einer Patientenverfügung
beachten muss. Zum Beispiel, was du jetzt sagst, wenn
man durch einen dummen Zufall in eine Situation kommt, wo man
reanimiert oder beatmet werde muss. Greift dann die Patientenverfügung
oder nicht?
Also wenn ich jetzt zum Beispiel von Bensheim nach Heppenheim
fahre und habe einen Autounfall. Jetzt habe ich vorher eine
Patientenverfügung unterschrieben, auf keinen Fall möchte ich
mal an eine Beatmungsmaschine oder so. Da fahre ich also hin, habe
einen Unfall, Thoraxprellung und müsste mal drei Tage beatmet
werden, um danach noch mal 50 Jahre zu leben. Das wäre natürlich
fatal, wenn man dann sagt, tja, die will ja nicht...Pech gehabt!
Da muss man schon abwägen. Und in der Patientenverfügung steht
ja immer, wenn ich in einem Zustand bin, wo ein irreparabler
Hirnschaden ist oder keine Aussicht auf Wiedererlangung des
Bewusstseins oder so etwas Hoffnungsloses besteht, dann möchte
ich nicht reanimiert oder beatmet werden. Aber wenn dieser Zustand
nicht gegeben ist, wenn eine sehr
realistische Aussicht auf Heilung besteht, zum Beispiel beim
Autounfall, dann ist man natürlich auch verpflichtet, Hilfe zu
leisten. Also dann kann ein Arzt auch durchaus mal
jemanden reanimieren, wenn er sieht, dass die Chance 80% ist, dass
der wieder gesund wird. Dann ist es ja auch angemessen. Aber wenn
ich aufgrund einer Krebserkrankung im Endstadium bin und soll dann
beatmet oder künstlich ernährt werden, das ist ja dann schon ein
Unterschied. Deswegen greift ja so eine
Patientenverfügung in der Regel bei diesen hoffnungslosen
Situationen, wo man sagt, der Sterbeprozess ist schon eingetreten,
warum soll man die Zeit noch verlängern. Verzichten
wir doch auf die Therapie, oder lassen wir das doch mit der
Antibiotika-Gabe, ob er jetzt noch drei Stunden oder drei Tage
lebt in diesem erbärmlichen Zustand, da ist doch Begrenzung
geboten.
SLS: Das
entscheidet dann der Arzt?
KELLERMANN:
Also
es steht ja dann meistens in der Patientenverfügung, dass man
diese Lebensverlängerung nicht wünscht. Und weil man oft nicht
voraussehen kann, in welche Situation man kommt, sollte man immer eine Patientenverfügung
mit einer Vorsorgevollmacht verknüpfen, so dass ein Bevollmächtigter da ist,
der in dieser konkreten Situation auch mit den Ärzten spricht,
der die Ärzte von der Schweigepflicht entbindet, der sagen kann,
also mein Vater konnte ja nicht wissen, wie das letztendlich
aussieht, der hat ja gedacht, auf Grund von seiner Herzkrankheit
kommt er mal in eine ganz andere Situation. Jetzt hat er ja auch
noch einen Hirnschlag dazu gekriegt oder einen Lungenkrebs, aber
wir haben ja ganz oft darüber gesprochen und ich weiß, er würde
das und das nicht wollen oder ich könnte mir vorstellen, dass er
das und das doch noch gerne ausprobieren wollte. Der
Bevollmächtigte kann
dann eben auch noch für einen sprechen.
Aber wenn er die ganze Verantwortung von so einer Entscheidung
alleine tragen muss, so eine Belastung des
Gewissens kann schon ernorm werden. Da fragt man sich anschließend jahrzehnte lang, "hätten wir es doch probieren sollen oder wäre
das nur Quälerei gewesen" oder man hat es doch probiert und es ist
schief gegangen: "Es war nur eine Quälerei, hätten wir es doch
nicht gemacht." Hinterher ist man immer klüger. Und mit so
einer Vorsorgevollmacht kann man
halt sagen, "also ich habe ja schon immer gesagt, meine Meinung ist
das nicht, aber ich weiß, dass das meine Mutter so gewollt hätte,
und es ist nicht mein Gewissen, sondern ich vertrete ja ihre
Position".
Und es ist ja auch für Ärzte nicht immer leicht, eine
Entscheidung zu treffen. Man muss ja nicht denken, dass das immer
so klar wäre, was richtig ist und was falsch ist.
Also ich habe
schon Patienten erlebt, die haben eine Magensonde gekriegt, grad
so eine durch den Bauch, und da hat die Nachbarin gesagt, was für
eine Quälerei, ich möchte mal wissen für was! Aber ich hab auch
schon welche erlebt, die sind noch mal richtig aufgeblüht und haben noch mal richtig Kraft gekriegt.
Man
kann halt vorher nicht immer wissen, was richtig ist. Man muss einfach
auch mal ein Stück weit Vertrauen haben, dass es jeder nach dem besten Gewissen handelt und dass die Tochter das jetzt so
entscheidet, weil sie in dem Fall das Gefühl hat, dass es richtig
ist und man kann sich auch einfach mal in die Hände von jemandem begeben,
von dem man denkt, der macht das nach bestem Gewissen. Und
hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.
SLS: Und was
ist jetzt, wenn der Fall gegeben ist, dass wirklich ein Patient
einen Unfall hat, also ganz spontan, man konnte das nicht
voraussehen und dann wirklich auch keine Überlebenschancen hat, ist
wirklich so schwer verletzt und was macht man dann in dem Moment?
KELLERMANN: Ich
denke, wenn ein Notarzt an einen Unfallort kommt, wird der erst
mal Hilfe leisten und nicht erst alles durchsuchen, ob es
vielleicht irgendwo eine Patientenverfügung oder einen Hinweis
darauf gibt. Also, wenn man als Notarzt zu einem Brand oder
Autounfall kommt, hilft man ja erst einmal. Das wäre
auch nicht gut, das zu ändern. Aber landet man für kurz oder lang auf der Intensivstation,
ist es natürlich gut, wenn man einen Hinweis bei sich hat, dass man eine
Patientenverfügung hat. Denn eine Patientenverfügung, von der
keiner weiß, dass die existiert, hilft einem ja auch nicht viel.
Und deswegen kann man so ein kleines Kärtchen zum Führerschein
oder was man halt so hat, geben, wo drauf steht, ich habe eine
Patientenverfügung, bitte benachrichtigen Sie meine Tochter oder Frau
So-und-so. Und dann muss man eben sehen, wie es weiter geht. Aber
erst mal Hilfe leisten, ist schon in Ordnung, denke ich. Vielleicht
ist es schwieriger, eine schon mal begonnene Therapie abzubrechen,
als gar nicht erst anzufangen. Aber so einen Unfall kann man halt nicht vorhersehen.
SLS: Hat ein
Arzt eigentlich Schuldgefühle, wenn ihm ein Patient wegstirbt?
KELLERMANN: Ja.
ich glaube, viel zu viele. Das ist ja das Problem, dass es für die
Ärzte oft so ist, dass sie natürlich versuchen, um jeden Preis
zu heilen oder Leben zu verlängern und es oft auch so ein
bisschen als Versagen empfinden, wenn ihnen jemand wegstirbt.
Jetzt haben sie so viel Anstrengung unternommen und jetzt stirbt
der trotzdem an dem Krebs. Und dass diese Versagensangst auch oft
dazu führt, dass man überreagiert, dass man noch eine Chemo
ansetzt und noch eine, die dann gar nichts bringt, einfach um
alles probiert zu haben, weil sie das oft als Niederlage
empfinden,
wenn jemand wegstirbt. Das ist ja das Traurige daran, dass da oft
über das Ziel hinausgeschossen wird.
SLS: Ja, und
wenn der Patient in der Patientenverfügung geschrieben hat, dass wenn keine Aussicht auf Heilung besteht, dass er das
dann eben nicht mehr möchte und entscheidet das dann der Arzt,
dass keine Aussicht auf Heilung besteht?
KELLERMANN: Ja,
also zum Beispiel, ein Patient, der hat einen Herzinfarkt, wird reanimiert, dann
im Krankenhaus an eine Beatmungsmaschine angeschlossen und dann frage ich zehn Ärzte,
"wie schätzen Sie das ein, ist das
aussichtslos oder nicht?" Dann sagen fünf, "ach ja, der ist so
alt
und hat auch noch die und die Vorerkrankungen" und die anderen sagen,
"ah, da habe
ich schon ganz andere Sachen erlebt!" Es ist halt nicht
einfach und sicherlich sinnvoll, dass man in
einem Gespräch überlegt, was das Richtige sein könnte und sich
auch ein bisschen auf sein Gefühl verlässt. Ich meine, genau
wissen tut man es nicht. Es gibt ja immer diese Geschichten, dass
Leute nach wie vielen Wochen oder Monaten aus dem Koma erwachen. Aber wenn das einmal irgendwo auf der Welt passiert,
steht auf der ganzen Welt in allen Zeitungen. Aber die Zigtausende,
die eben im Koma bleiben, die stehen nicht in der Zeitung. Also es
ist natürlich die Frage, wie realistisch ist das.
SLS: Die Angehörigen,
inwieweit haben die da ein Recht ohne ihr Fachwissen, ich meine
ein Arzt kann die Situation besser einschätzen.
KELLERMANN: Genau,
deswegen ist der Arzt auch verpflichtet, die Angehörigen gut
aufzuklären, deswegen wird er ja auch dem Bevollmächtigten
gegenüber von seiner Schweigepflicht
entbunden, weil juristisch
gesehen, kann man seine Familienangehörigen nicht vertreten. Also
nicht seine Kinder, wenn sie älter als 18 sind und auch nicht
seinen Ehepartner, nur wenn man dafür bevollmächtigt ist. Deswegen ist ja diese Vorsorgevollmacht gedacht, dass man einen
Angehörigen, es kann auch eine Freundin oder Sonstwer sein, dem man
wirklich vertraut, bevollmächtigt, für einen zu
entscheiden.
Und oft sind ja die Ärzte noch das geringste
Problem, es gibt ja auch Behörden. Es müssen ja auch
Verträge oder Geldgeschäfte gemacht werden. Jemand, der
vielleicht bei einem Schlaganfall bewusstlos bleibt, der muss ja
mal in ein Altenheim und da muss ja jemanden geben, der das
alles regelt. Dann ist immer die Frage, ob es einen Bevollmächtigten
oder einen Betreuer gibt, der das alles macht. Sich mit dem zu einigen ist die Aufgabe
des Arztes.
SLS: Also ohne
Vollmacht geht dann gar nichts für irgendeinen Bekannten oder so?
KELLERMANN: Also,
es ist so. So eine Patientenverfügung braucht man ja eigentlich
nicht immer. Ganz oft kann man sich ja in einem vernünftigen
Gespräch einfach einigen: "Also hörn Sie mal Herr
Doktor, ich weiß nicht, wie Sie das einschätzen, aber meine
Mutter hat immer gesagt, sie will das so und so." Und dann sagt
der zum Beispiel, "ja, da gebe ich Ihnen
ganz Recht, das ist auch meine Meinung."
Meistens kann man sich mit Ärzten noch besser einigen als mit einer Bank
oder mit einer Versicherung.
Wenn der Patient ins Pflegeheim kommt und man dann auch noch einen Hausstand
auflöst, da müssen tausend Dinge geregelt werden und dann sind
die Behörden ja oft ganz schön penibel, was Unterschriften und so
angeht. Wenn man da keine Betreuungsverfügung hat, da hat man
gelitten.
SLS: Also ist
es dann schon ziemlich wichtig, dass man vorsorgt?
KELLERMANN: Ja, und
es liegt auch total im Trend. Immer mehr Leute kümmern sich
wirklich darum oder haben das Bedürfnis, die Sache selbst
zu regeln, ihr Testament zu machen oder ihre Beerdigung zu
organisieren oder zu gucken, wie wird alles weitergehen. Das Bedürfnis nach
Vorsorge nimmt echt zu. Das hat auch etwas mit Kontrolle zu tun:
"Ich
will das bestimmen." Ich will bestimmen, ob ich jetzt in Bensheim
auf dem Friedhof oder in Michelstadt im Friedwald beerdigt werde, ich will bestimmen, was mit mir passiert.
Mein Körper
gehört mir und ich will sagen, ob ich beatmet werde oder nicht und ich
überlasse das nicht irgendjemandem. Das Bedürfnis nach Vorsorge ist
wirklich groß. Und dass Bestattungsunternehmer Vorsorge anbieten, das geht weg wie warme Semmel. Ihr glaubt nicht, wie viele
Leute sich zu Lebzeiten schon ihren Grabstein aussuchen oder den
Sarg
oder sonst irgendwas. Vorsorgegespräche sind der Renner bei den
Unternehmen. Die Leute wollen sich einfach absichern, dass alles
nach ihrem Willen passiert.
SLS: Jetzt
speziell die Leute, die wirklich krank sind, oder auch...?
KELLERMANN: Auch
andere, mittleren Alters, die wollen das geregelt wissen. Ich will,
dass auf meiner Beerdigung das und das Lied gespielt
wird. Und dann regeln die Leute das, das gibt es immer mehr.
SLS: Sterbehilfe
beinhaltet ja auch, dass man mit irgendwelchen Medikamenten das
Leben des Patienten schmerzfrei macht und dann eben in Kauf nimmt,
dass das Leben verkürzt wird oder das der Patient stirbt.
KELLERMANN: Das
ist ja dann die indirekte oder passive Sterbehilfe. Okay, der hat
so starke Schmerzen, ich gebe dem hochdosiert Schmerzmittel, es
kann sein, dass es das Leben ein bisschen verkürzt, ja das nehmen
wir in Kauf, dafür ist er schmerzfrei.
SLS: Was heißt
"wir" - entscheidet das der Arzt?
KELLERMANN: Der
Arzt, ja. Manchmal entscheidet man das auch zusammen.
Pflegedienst, Arzt und Angehörige. Dass man sagt, ja geben wir ihm
jetzt hochdosiertes Morphin und was zum Beruhigen und noch was für
die Atmung, es kann sein, das verkürzt sein Leben, das nehmen wir in Kauf. Das sind oft so Sachen,
die man gemeinsam entscheidet. Und so etwas in Kauf zu
nehmen, weil man eben Schmerzen lindern will, das ist ja auch in
Ordnung.
Es ist etwas anderes zu sagen, wir machen jetzt
Schluss, wir überdosieren das absichtlich und dann ist gut. Und da ist auch noch
mal die Abgrenzung wichtig von Beihilfe zum Suizid, also zum
Selbstmord, das ist noch mal ein ganz extra Fach. In
Deutschland ist Beihilfe zum Selbstmord straffrei. Das heißt, wenn
ich jemandem ein paar Kapseln Gift in seiner
Wohnung lasse und weggehe und er benutzt das dann, kann ich nicht
bestraft werden. Einfach deswegen, weil Suizid nicht strafbar ist.
Wenn ich mich umbringe, werde ich dafür nicht bestraft. Wenn ich
jemandem bei etwas helfe, was nicht strafbar ist, kann das auch
nicht strafbar sein. Beilhilfe zu etwas Erlaubtem kann nicht
verboten sein.
Es gibt aber die Klausel, dass ich verpflichtet bin, Hilfe zu
leisten. Also zum Beispiel, wenn ich als Krankenschwester, sowie
eigentlich auch jeder andere, in eine
Wohnung komme, es liegt jemand bewusstlos am Boden, bin ich
verpflichtet, erste Hilfe zu leisten.
Das war ja auch der Trick, den damals dieser Prof. Hackethal
angewandt hat, der ganz berühmt wurde durch diese vermeintliche
Sterbehilfe, die eher Beihilfe zum Selbstmord war. Der hat dem
Patienten einen Giftcocktail mit Strohhalm hingestellt und ist
weggegangen. Und ist so weggegangen, dass er nicht erreichbar war.
Es konnte ihn also keiner haftbar machen, er war nicht erreichbar.
Und dann war das nicht strafbar, weil er nur Beihilfe zum
Selbstmord geleistet hat und nicht in der Lage war, ihn zu retten. Wenn
er jetzt zufällig dazu gekommen wäre, hätte er ihm helfen müssen,
aber er war ja nicht erreichbar. Das war ja damals der Knackpunkt,
Beihilfe zum Selbstmord. Und das ist ein Service, den man in der
Schweiz ohne Weiteres in Anspruch nehmen kann.
SLS: Was halten
Sie davon?
KELLERMANN: Also,
es ist total schwierig. Ich möchte ja nicht bestreiten, dass es
wirklich diese Situation gibt, wo ich verstehen kann, dass der
Mann es nicht mehr packt, auch wenn ich mir wünsche, er würde
anders entscheiden. Und ich habe auch schon erlebt, dass Patienten
in meiner Anwesenheit mit einer solchen Station telefoniert haben.
Und ich versuche das nicht zu unterbinden, ich sage, Sie können
das machen, ich versuche Sie auch nicht mit aller Gewalt davon
abzuhalten, aber Sie können das nicht von mir verlangen. Da müsste
ich auch, wenn ich einen Patient zu Hause betreue, darauf achten,
dass alle Medikamente außer Reichweite sind, er könnte ja auf
die Idee kommen, die alle einzuwerfen. Aber ich muss das ja nicht
auf Biegen und Brechen verhindern. Das muss ich nicht. Ich kann
das akzeptieren.
SLS: Das passt
doch dann auch nicht zusammen. Auf der einen Seite lässt man sich
begleiten mit Sterbebegleitung und auf der anderen Seite redet man
dann mit so einem, der einem dann...
KELLERMANN: Ja, auf
der eine Seite das unheimliche Bedürfnis, dass einem jemand beisteht, auf der anderen Seite das Bedürfnis
nach dem Gegenteil. Aber leider sind das zwei verschiedene
Institutionen, die das leisten. Der eine hält
mir die Hand, gibt mir Nähe, der andere macht das, was ich
eigentlich will. Aber der ist in der Schweiz. Und das Problem bei
allen Patienten in der Palliativpflege ist, dass sie permanent in
gegensätzliche Gefühle verstrickt sind. Wenn er nur Angst hätte,
ginge es ja noch, aber da ist ein ständiges Wechselbad der Gefühle.
Von Angst zu Hoffnung, von Verzweiflung zu Akzeptanz. Meistens ist
beides da und das ist ja das Schwierige.
SLS: Das in der
Schweiz mit dem Selbstmord, also ich meine, die wissen das doch
dann. Also die Leute, die dort arbeiten haben die dann nicht
irgendwie...
KELLERMANN: Die
haben eine andere Weltanschauung als wir. Ihre Wertevorstellung ist so, dass es einem Menschen erlaubt sein
soll, zu bestimmen, wann das Leben beendet ist. Wir führen unser
Leben so selbstbestimmt, dass das ein Wert für uns ist, zu
bestimmen wann es fertig ist, deshalb sollte es uns erlaubt sein,
das ist deren Vorstellung. Ähnlich wie in der früheren DDR, da gab es diese
humanistische Gesellschaft und die haben auch gesagt, man kann
selbst bestimmen wann das Leben zu Ende ist. Das ist eine andere
Weltanschauung, während wir sagen, es ist nicht an uns zu
bestimmen, wann das Leben zu Ende ist, wir nehmen das so, wie es
eben kommt. Wir nehmen es an und gehen den Weg mit.
SLS: Ich habe
jetzt eher so gemeint, also vom Gesetzt her sind sie ja
verpflichtet zu helfen, wenn jemand ohnmächtig wird oder so, und
ich mein, die wissen ja dann praktisch, dass der ohnmächtig wird.
KELLERMANN: In der
Schweiz und den Niederlanden ist das Gesetzt da vielleicht auch
ein bisschen anders. Also in den Niederlanden muss das ja, wenn wirklich der Fall eingetreten ist, immer
ein zweiter Arzt bescheinigen.
SLS: Aber das
ist nicht automatisch so, dass wenn man da zum Beispiel als
Deutscher nach Belgien geht, dann da wohnt, wird man da dann
einfach suizidiert?
KELLERMANN: Nein,
also die Leute bitten ja wirklich darum. Es gibt weniger Leute,
die das ohne ihr Einverständnis gemacht bekommen. Das war jetzt
auch grad vor 6 oder 8 oder 10 Jahren, da sind ganz viele
Krankenschwestern aus den Niederlanden, für die das ein Grund
war, dass das da gemacht wurde und dass die da dabei sein mussten,
die sind dann über die Grenze und haben in Deutschland
gearbeitet.
SLS: Gibt es
dann keine Probleme mit den Deutschen Gesetzen, dass die dann rüber
gehen und sich töten lassen?
KELLERMANN: Keine
Ahnung, ich glaube nicht. Weil ich mein, du kannst ja auch zum Grand Canyon fahren und dich da runterstürzen.
SLS: Ja ich
meine, wenn du es keinem erzählst, du kannst ja auch sagen, du
willst da jetzt Urlaub machen.
KELLERMANN: Es
wird wahrscheinlich keiner mit Gewalt versuchen, dich davon
abzuhalten.
SLS: Ja, okay,
das waren dann eigentlich unsere Fragen. Vielen Dank für das
Interview.
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