Würde - fundamentaler Wert hospizlichen Handelns

Würde ist eine zentrale Kategorie am Lebensende: weil wir uns fürchten, dass eine lange, todbringende Krankheit uns diese nehmen könnte. Würde ist für uns heute eng verknüpft mit Selbstbestimmung. Eigene Entscheidungen treffen. Die Kontrolle behalten – jetzt erst recht! Würde provoziert die Frage nach dem Sinn. Wozu das alles aushalten? Was habe ich noch zu erwarten? Worauf darf ich hoffen? Im Angesicht der Krankheit ist der Sinn stets und immer wieder neu zu finden.

Und Würde besitzt eine soziale Komponente, sie impliziert einen ganz konkreten Auftrag. Nämlich einen Auftrag an die Menschen und Institutionen, die Schwerstkranke betreuen und Sterbende begleiten. Deshalb tragen zahlreiche Hospizvereine und Hospize die Würde in ihrem Claim (z. B. „Leben in Würde bis zuletzt“) und verweisen darauf in ihrem Selbstverständnis. Und so heißt es auch in der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland im ersten Leitsatz: „Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen. (…) Wir werden uns dafür einsetzen, ein Sterben unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen.“

Wir können das Recht auf Würde auch grundsätzlicher verankert finden, im deutschen Grundgesetz in Artikel 1, wo Würde als unantastbar deklariert wird. Bemerkenswert ist auch der darauffolgende Zusatz: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits ist die Würde unantastbar, andererseits gilt ihr besonderer Schutz? Zu diesem scheinbaren Paradox formulierte der Schriftsteller Navid Kermani in seiner Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes eine Überlegung, die sich leicht auf die Hospizarbeit übertragen lässt: Vermutlich ist damit gemeint, dass die Würde für das Menschsein so unbedingt und fundamental ist, dass wir alle aufgefordert sind, im Miteinander von Mensch zu Mensch die eigene Würde und die des Anderen stets und unbedingt mitzudenken. Zu würdigen. Zu schützen. (Kermani N: 65 Jahre Grundgesetz. Es gilt das gesprochene Wort)

Es wird übrigens im Grundgesetz nicht weiter definiert, was Würde eigentlich ist. Es handelt sich also um etwas, das immer auch individuell, von jeder und jedem selbst, beschrieben werden kann. Und daraus folgt: Wollen wir die Würde unseres Gegenübers achten und schützen, so müssen wir in Erfahrung bringen, wie sie sich für ihn ausgestaltet. Was sind seine Wünsche, seine Wertvorstellungen, seine Bedürfnisse? Oder nochmal anders akzentuiert: Was braucht mein Gegenüber, um seine Persönlichkeit – gerade auch im Angesicht der Erkrankung – zur Entfaltung zu bringen? So lautet nämlich Artikel zwei unseres Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.“ Sprechen wir über Leben bist zuletzt, sprechen wir eben auch darüber. Denn aus der Würdeforschung wissen wir auch das: Manche Menschen empfinden ihre Krankheit als eine Bedrohung ihrer Identität; sie erleben sich selbst nur noch als Trägerin/Träger eines kranken Organs oder Tumors und nicht mehr als vollumfängliches Individuum. Dieses Selbsterleben beschreiben Betroffene als eingeschränktes Würdegefühl, als Würdeverlust; und dies kann soweit führen, dass sie einen Sterbewunsch entwickeln, wie zahlreiche Studien zeigen (Chochinov et al., Dignity in the terminally ill: a cross-sectional, cohort study. Lancet, 2002. 360(9350); Chochinov et al., Dignity in the terminally ill: a developing empirical model. Soc Sci Med, 2002. 54(3); Monforte-Royo et al. What lies behind the wish to hasten death? A systematic review and meta-ethnography from the perspective of patients. PLoS One. 2012;7(5):e37117; Van der Maas PJ et al (1991): Euthanasia and other medical decisions concerning the end of life. Lancet 338:669-674).

Deshalb ist und bleibt die Würde fundamentaler Wert hospizlichen Handelns. Weil sich an ihr konkret ermessen lässt, ob wir unserem Auftrag gerecht werden, den Dame Cicely Saunders als richtungsweisend für die Hospiz- und Palliativarbeit formuliert hat: “You matter because you are you, and you matter to the last moment of your life. We will do all that we can not only to help you die peacefully, but also to live until you die.” (Robert Twycross ‘A Tribute to Dame Cicely Saunders’, Memorial Service, 8 March 2006)