Erfahrungsbericht von der Hospizakademie

Kursteilnahme wird zum persönlichen Wendepunkt - Doreen Moll

Mein Weg begann eigentlich schon vor zehn Jahren

Damals hatte ich den Gedanken, mehr über Hospizarbeit zu erfahren und vielleicht sogar auch im palliativpflegerischen Bereich zu arbeiten. So informierte ich mich, wo es welche Fortbildungsmöglichkeiten gab. Aber zum damaligen Zeitpunkt waren meine Kinder noch sehr klein und es war klar, dass ich eine solche, zeitaufwändigere Fortbildung familienbedingt noch nicht bewerkstelligen könnte.

Autorin

Der Wunsch, mich in diese Richtung weiterzuentwickeln, wurde aber immer stärker,auch, weil es auf der Intensivstation moralisch zunehmend schwieriger für mich wurde. Auf einer Intensivstation werden schwerstkranke Menschen betreut, und es versterben auch oft Menschen dort. Und ich merkte immer wieder, dass wir eigentlich viel mehr Hintergrundwissen bräuchten. Doch dann hörte ich meist, das wäre nicht nötig. Dabei war das für uns wirklich eine Belastung mitzuerleben, wie schlecht es PatientInnen etwa nach einer Chemo ging, zu erkennen, dass sie eigentlich Einzelzimmer als Rückzugsmöglichkeit bräuchten, ein Gegenüber zum Reden, effektive Schmerzlinderung. Wir als Krankenpflegepersonal sahen den Bedarf deutlich, aber das Krankenhaus teilte unsere Sicht nicht.

Und so habe ich irgendwann beschlossen: Wenn mein Arbeitgeber nicht zahlen will, dann nehme ich das selbst in die Hand und finanziere mir die Fortbildung. So habe ich mich für die zertifizierte Zusatzqualifikation Palliative Care (160 Stunden) in der HospizAkademie angemeldet und im Sommer 2019 damit begonnen. Und eine Woche bevor es losging einigten mein Arbeitgeber und ich uns dann doch: Er übernahm die Kosten für die Weiterbildung, und dafür absolvierte ich den Kurs in meiner Freizeit.

Der erste Kurstag und ich merkte: Das wird gut!

Ich war richtig gespannt und freute mich, als es dann endlich losging. Wir haben ja alle so unsere Annahmen, palliativ – natürlich habe ich mich gefragt, wie ein so ernsthaftes Thema, der Umgang mit dem Tod, wohl vermittelt wird. Und im Vorfeld fragt man sich, wie wird wohl das Miteinander in der Gruppe, wie sind die ReferentInnen? Und ich hatte lange nicht mehr die Schulbank gedrückt, war natürlich gespannt, wie das wird, was ich alles an Informationen für mich mitnehmen kann und wie ich die Dinge später werde umsetzen können.

Und dann kam ich da hin und da war gleich so viel Fröhlichkeit und Freundlichkeit! Eine schöne Atmosphäre, alles liebevoll hergerichtet, mit üppiger Obstschale, süßen und salzigen Knabbereien, Kaffee, Blumen und Fußbänkchen, damit wir es uns auf den Stühlen behaglich machen konnten. Ich fühlte mich von Anfang an super aufgehoben. Auch in der Gruppe war gleich ein gutes Miteinander. Wir kamen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern und Altersgruppen und teilten doch alle das gleiche Ziel – das war unheimlich bereichernd. Meine anfänglichen Gedanken und vielleicht auch Sorgen zerstreuten sich schnell und ich merkte: Das wird gut!

Und so war es auch: Wir haben uns intensiv mit für mich sehr wichtigen, pflegerischen Themen beschäftigt, wie etwa Symptomlinderung. Wir haben sogar mit einer ärztlichen Dozentin über die Implementierung von Palliative Care auf Intensivstationen gesprochen. Das war wie für mich gemacht! Und auch die Themen, die nicht unmittelbar fachlich für meine Arbeit relevant waren, habe ich als sehr eindringlich erlebt und viel davon mitgenommen. Zum Beispiel Kindertrauer - das hat uns alle nachhaltig bewegt und als Gruppe ungemein zusammengeschweißt. Denn unter uns waren doch einige, die in ihrem Leben Verluste erlebt hatten, und da konnten wir uns als Gruppe Halt geben, und auch die Kursleitungen waren natürlich für uns da. Das war also sehr intensiv.

Ganz wichtig für mich waren die Einheiten zu Achtsamkeit. Über den Kurs habe ich begriffen, wie wichtig Selbstfürsorge ist! Auf sich selbst achten, dass es einem gut geht, um dann gefestigt seine Arbeit gut tun zu können. Dass es wichtig ist, nicht nur den Fokus auf die anderen zu haben, die man umsorgt, sondern dass man sich selbst auch mit im Blick haben sollte. Das ist das A und O. Um Menschen in ihren Ausnahmesituationen adäquat begleiten zu können, muss ich selbst gefestigt sein. Und das war ein ganz wichtiger Lernimpuls für mich.

Die Kursleitungen und ReferentInnen waren super! Unsere Gedanken und Fragen wurden ernstgenommen, fanden jederzeit Platz. Es ging nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um persönliche Weiterentwicklung. Die Kursleitungen legten großen Wert auf Selbsterfahrung und förderten den Austausch untereinander. Und wenn es erforderlich war, wurden wir aufgefangen. Uns Teilnehmenden wurde viel abverlangt; es gab ernste Themen, an denen wir auch zu knabbern hatten, anspruchsvolle Lerneinheiten, die uns richtig forderten, und außerdem unheimlich viele lustige Momente. Das war einfach eine gute Mischung.

Eine neue berufliche Chance tat sich auf

In dem halben Jahr des Kursverlaufs habe ich schon begonnen, auf unserer Intensivstation Dinge umzusetzen, und bei manchen KollegInnen und vor allem bei den Patienten kam das gut an. Aber ich habe doch gemerkt, dass die meisten im Team schon zu eingefahren waren und dass vor allem die zeitliche Komponente eine Rolle spielte. So konnte ich das Gelernte nicht derart einbringen, wie ich es mir gewünscht hätte.

Also fing ich an nachzudenken, was eine berufliche Alternative zur Intensivstation sein könnte: Wo könnte ich verwirklichen, das was in mir war und das Gelernte gut umzusetzen? Mir war klar: Ich würde nur woandershin wechseln, wenn ich dort auch dem palliativen Gedanken folgen könnte, so wie es mir vorschwebte.

Eine Kursteilnehmerin machte mich darauf aufmerksam, dass im Fachpflegezentrum Bergstraße in Lorsch die Stelle für eine Palliative Care Fachkraft neu eingerichtet werden sollte. Ich habe mich beworben – und schon im Vorstellungsgespräch gemerkt, dass das gut passen könnte. Die Ziele und Vorstellungen haben mir sofort gefallen: dass alle im Team auf Augenhöhe miteinander arbeiten, dass es tiergestützte Therapie gibt. Und natürlich die mit der Stelle verbundenen Aufgaben haben mich gereizt. Die Freiräume, die sie mir in Aussicht gestellt haben. Wie ich die Stelle ausgestalten könnte, inhaltlich und auch zeitlich sehr flexibel und selbstbestimmt.

Natürlich hatte ich auch ordentlich Muffensausen – wo ich doch noch nie eigenständig in diesem Feld gearbeitet hatte. Und jetzt gleich ein solches Profil von Null aufzubauen, das war schon eine Mega-Herausforderung. Aber auch absolut verlockend.

Angekommen - und ich bereue keine Sekunde

Seit einem Jahr bin ich jetzt dabei. Und bereue wirklich keine Sekunde. Ich weiß, dass das der richtige Weg war. Natürlich musste ich meinen Platz dort auch erst finden, da gab es auch Höhen und Tiefen, Erfolge, Zweifel und Unsicherheiten. Wie positioniere ich mich im Team, was wird mein konkretes Aufgabenfeld sein, wie kann ich Angehörigen ihre Vorbehalte nehmen und verständlich machen, dass Palliative Care nicht gleich bedeutet, dass ihre Lieben sterbend sind. Mein Ziel ist es, Lebensqualität zu verbessern und behutsam Selbstständigkeit zu fördern. Dafür habe ich die Zeit und den Freiraum, und mit meiner Expertise in Palliative Care habe ich Ideen und Möglichkeiten, was wir dafür ausprobieren können. PatientInnen mit Schluckbeschwerden behutsam bei der Nahrungsaufnahme anleiten, basale Stimulation oder atemunterstützende Einreibungen oder bei Liegebeschwerden mal eine andere Lagerung ausprobieren.

Teil eines regionalen Netzwerkes sein

Was für mich ganz toll ist: Jederzeit kann ich mich mit meinen Fragen an den HospizVerein wenden und treffe dort immer auf offene Ohren und kollegiale Unterstützung! Und auch wir Kursteilnehmenden sind miteinander verbunden. Wenn jemand von uns eine Frage hat, dann wissen wir alle: Wir können uns aneinander wenden. So sind wir hier in der Region inzwischen schon ganz schön gut vernetzt und es ist toll, zum Netzwerk Palliative Care dazuzugehören!