Erfahrungsberichte aus dem Ehrenamt

Was macht den Menschen aus? Erfahrungsbericht aus einer Begleitung

„Was macht den Menschen aus? Seine jeweils eigene, unverwechselbare Identität und Individualität? Wir möchten es gerne Seele nennen, können diese aber nur schwer fassen. Annähern können wir uns über das, was wir sehen können, seine Taten und Handlungen, seinen Lebenslauf. Aber wie hat er, dort wo er war, gelebt? Was hat er, dort wo es möglich war, in freier Entscheidung aktiv gestaltet? Und wie hat er, dort wo es nötig war, auf äußere Ereignisse und Umstände reagiert, sich verhalten?“

Einkehr mit Bier

So habe ich eingangs gefragt bei meiner Trauerrede bei Günthers Beerdigung. Und manchen Hinweis zu seiner Person konnte ich geben nach einer vergleichsweise langen Begleitung von fast anderthalb Jahren.

Ziemlich zu Anfang der Begleitung hat Günther überrascht mit einem unerwarteten und Gott sei Dank ziemlich dilettantisch ausgeführten Selbstmordversuch. Es war ein Moment der Schwäche, wohl aus der Motivation heraus, seiner Frau nicht weiter Last sein zu wollen.

Noch auf der Intensivstation liegend versicherte er mir schon, dass das „Blödsinn“ gewesen sei. Zumal er sich aufgrund der Reaktion seiner Umwelt doch weitaus mehr geliebt wissen durfte, als er das in seinen dunklen Momenten vielleicht zu ahnen meinte.

Uns verband die Freude am Gedankenaustausch im angenehmen Kleid des südhessischen Dialekts. Auch tranken wir schon mal gern ein Bier dazu. Das führte bald zu Ritualen. Und so fuhr ich ihn donnerstags, wenn es das Wetter zuließ, mit seinem Rollstuhl in eine der drei oder vier Kneipen in der Bensheimer Innenstadt, die eine Behindertentoilette aufweisen. Es war aber auch kein Problem bei ihm zu Hause zu sitzen. Der Gesprächsstoff ging uns nicht aus.

Und hier lag wohl auch der Kern unserer Beziehung. Ich interessierte mich für ihn und er interessierte sich für mich, jeweils als Person, aber darüber hinaus auch als Vertreter einer anderen Generation. So konnten wir beide voneinander lernen und unseren jeweiligen Horizont erweitern.

Günther spielte und experimentierte auch gern. Da war zum Beispiel jene alte Dame, die so pedantisch war, dass sie immer zur selben Zeit einkaufen ging, sodass wir sie donnerstags auf unserem nachmittäglichen Jour fixe unweigerlich treffen mussten. Jedes Mal zog er sie ins Gespräch und suchte sie mit neuen Argumenten zu bezirzen, ihn doch einmal zu besuchen, zumal sie ja in unmittelbarer Nachbarschaft wohne. Und jedes Mal, wenn sie vorbeigegangen war, sagte er: „Die is steif“ und „Die kimmt nie“. Und er sagte das mit der Miene eines Taschenspielers, der gerade ein Ass aus dem Ärmel gezogen hat.

Mein Eindruck war, dass er nach dem Selbstmordversuch noch einmal aufgeblüht ist, sich der Kostbarkeit des immer kürzer werdenden Restes seiner Zeit auf Erden bewusst wurde und im Rahmen des Möglichen das Beste daraus machen wollte. Und das hat er dann auch getan. Seine Frau und einige gute Freunde haben ihm dabei geholfen.

Am Ende meiner Gedenkrede an Günthers Grab konnte ich folgendes Resümee ziehen:
„Was mich am meisten beeindruckt hat:

  • die Neugier bis zum Schluss,
  • die Kraft und der Wille, sich immer wieder neu auf eine sich verändernde Lebenssituation einzustellen,
  • das Fehlen jeglicher Weinerlichkeit, sein Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie.

Der eine Moment der Schwäche, der auch da war, ändert das Bild nicht.“

Ein halbes Jahr später starb meine Mutter. Zu ihrer Beerdigung kam auch Somjai, Günthers Frau. Sie hatte meine Mutter gar nicht gekannt. Ich glaube, sie tat es mir zuliebe.

Text: Martin Reeb, Foto: Marc Fippel Fotografie

Ein Gespräch über die ehrenamtliche Trauerbegleitung

Anja Gondolph (Koordinatorin): Wie bist Du zum HospizVerein gekommen?

Lucie Woköck (ehrenamtliche Trauerbegleiterin): Das Interesse aktiv zu werden bestand bereits zu Beginn der Gründungszeit des damals ersten HospizVereins im Kreis Bergstraße. Durch meine private und berufliche Lebenssituation (alleinerziehende Mutter von drei Söhnen, Dipl.-Sozialarbeiterin) und mein politisches Engagement in der Anti-Atomkraft-Bewegung war es mir damals zeitlich nicht möglich, mich für die Hospizbewegung zu engagieren. Allerdings wurde ich Mitglied, um die gute Sache zumindest passiv zu unterstützen.

Als Sozialarbeiterin wurde ich immer wieder mit dem Thema Trauer konfrontiert. Während meiner beruflichen Tätigkeit wurden die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle in Bensheim zu einer wichtigen Anlaufstelle. Und Trauer ist auch bei mir ein persönliches Thema.

Stilleben auf Fensterbank, Bensheim

Meine Mutter und meine Großmutter wurden zeitgleich krank und verstarben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Im Alter von 19 Jahren sah ich mich, frisch verliebt, mit all meinen Plänen, Freuden und Hoffnungen, mit der Radikalität des Todes konfrontiert, der mir zwei wichtige Bezugspersonen genommen hatte. Allein auf mich gestellt, musste ich zusehen, wie ich zurechtkam. Weder mein Vater, der mit sich und der Situation völlig überfordert war, noch die Geschwister meiner Mutter, die nicht nur ihre Schwester, sondern auch ihre Mutter verloren hatten, konnten mich trösten.

Im Jahr 2016 dann, zeitlich passend zum Rentenbeginn, wurde vom HospizVerein die Ausbildung zur ehrenamtlichen Trauerbegleitung angeboten. Diese Chance wollte ich unbedingt nutzen, weil ich aus eigener Erfahrung wusste, wie wichtig Trauerbegleitung ist.

Was gefällt Dir am Verein?

Als ehrenamtlich tätige Trauerbegleiterin erfahre ich von allen Aktiven des HospizVereins Wertschätzung und Unterstützung.

Unterstützung bieten unter anderem kostenfreie Supervision, Fort- und Weiterbildungsangebote für ehrenamtlich Engagierte, der Erfahrungsaustausch im Team sowie fachübergreifende Informationsangebote und „die Hotline“ unserer Koordinatorinnen.

Last but not least genieße ich das Lebensbejahende, die Freude am Zusammensein, die spontanen Tür- und Angel-Gespräche und konstruktiven Auseinandersetzungen im Verein.

Was gefällt Dir an Deiner Tätigkeit?

Ich engagiere mich in der Einzelbegleitung von Trauernden. Zu erleben, dass es meist nur etwas Zeit braucht und Zuwendung, damit trauernde Menschen den nächsten Schritt gehen können, erfüllt mich mit großer Zufriedenheit.

Wie hoch ist Dein zeitlicher Aufwand?

Zurzeit begleite ich drei Menschen in ihrer Trauer. Aktuell sind es durchschnittlich drei bis fünf Stunden pro Woche mit Vor- und Nachbereiten der Gespräche, dem Gespräch selbst plus fallbezogene Gespräche mit unseren Koordinatorinnen. Supervision und Team entfallen derzeit, wegen der Corona-Situation.

Welche Bedeutung hat für Dich die Gruppe der Ehrenamtlichen?

Während der Ausbildung habe ich mich selbst und die anderen TeilnehmerInnen intensiv kennengelernt. Nach meiner Einschätzung ist aus der damaligen Lerngruppe ein tragfähiges Team geworden. Darüber hinaus sind private Freundschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.

Wie beurteilst Du die Vorbereitung auf Deine Tätigkeit?

Die Ausbildung war wertvoll, die Vorbereitung auf mein Engagement unerlässlich. Zusammen mit meiner persönlichen und beruflichen Lebenserfahrung bildet sie das Fundament meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Eine wichtige Erkenntnis aus der Ausbildung möchte ich an dieser Stelle hervorheben: Trauer ist eine gesunde Reaktion auf einen Verlust und keine menschliche Schwäche.

Hast Du etwas, das Du unseren LeserInnen mitteilen möchtest?

Ja. Trauer ist ein wichtiges und lebendiges – wenn auch schweres – Gefühl, das sich in vielen Facetten zeigen kann. Es ist wichtig, damit nicht alleine gelassen zu werden. Hospiz-/Trauerarbeit sollte immer auch wieder „nach Hause gebracht“ und nicht alleine den Institutionen überlassen werden.

Text und Foto: Lucie Woköck

Reich und demütig zugleich - über meine Erfahrungen als Hospizbegleiterin

Ich blicke auf 10 Jahre als ehrenamtliche Hospizbegleiterin im stationären Hospiz Bergstraße zurück. Meine Tätigkeit erstreckt sich auf zwei Stunden in der Woche. Ich habe meine Tätigkeit auf diesen zeitlichen Rahmen begrenzt, da ich 6 Enkelkinder habe und ich diesen, neben meinen anderen Aktivitäten, auch Zeit schenken möchte.

Zeit schenken

Zwei Stunden in der Woche für die Gäste im Hospiz! Schon oft habe ich mich gefragt: Nur zwei Stunden, das ist nicht viel? Doch sehe ich mich in einer besonderen Lebenssituation: Ich darf Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen und Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, ein Stück weit begleiten. Das betrachte ich als ein Geschenk, das mein Leben bereichert und ihm Sinn gibt. So sind es doch das kleine Kind und der schwerkranke Mensch, die unserer Hilfe und Zuwendung bedürfen.

Rodemarie Köppner

Zuwendung

Das bedeutet, ich wende mich im Hospiz diesen Menschen zu, indem ich für sie da bin. Da sein wiederum heißt, Zeit zu schenken, präsent sein, zuhören können, empathisch sein und vieles mehr.

Zehn Jahre Hospizbegleiterin im Hospiz

Ich halte Rückschau für mich ganz persönlich. Der wöchentliche ehrenamtliche Einsatz im Hospiz verläuft jedes Mal anders. Ich kenne meine Aufgabe, ich kenne die Gegebenheiten des Hauses, ich weiß, wo mein Platz in diesem Haus ist und ich freue mich immer, wenn ich das stationäre Hospiz betrete und meine ehrenamtliche Tätigkeit beginne.

Und doch ist es für mich immer wieder ein Neubeginn. Neubeginn deshalb, weil ich mich Woche für Woche auf die veränderte Situation im Hospiz einstelle. Das heißt, bei einem Gast, den ich vor einer Woche antraf, kann sich vieles verändert haben. Es ist ein Neubeginn auch, weil ich in mir Woche für Woche eine Veränderung erfahre. So frage ich mich jedes Mal, wenn ich das Haus betrete: Wie geht es mir heute physisch und psychisch? Was kann ich heute geben? Was bringe ich mit?

Wenn ich spüre, dass ich den Gästen gegenüber nicht präsent sein kann, so kann ich trotzdem zum Beispiel den Frühstückstisch abdecken, oder ich bin einfach da, wenn Gäste oder BesucherInnen Fragen haben. Ich kann auch in den Hospizgarten gehen und Blumenschmuck für das Haus besorgen.

Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an die Gäste, die mir vieles anvertraut haben, vieles offengelegt haben, sich ihrer Tränen nicht geschämt haben, ihrer Trauer Ausdruck gaben, auch Zorn und Wut zeigten.

Ich habe aber auch Menschen erlebt, die mit Dankbarkeit auf ihr Leben zurückschauten – Menschen, denen ich in all diesen Augenblicken sehr nahe sein durfte.

Ich schreibe diesen Bericht im Frühjahr, während wir alle gerade in der Corona-Krise sind. Ab kommenden Montag sind alle Schulen und Kitas geschlossen. Alle Aktivitäten, auch die außerschulischen, fallen auch für meine Enkelkinder weg. Meine Enkeltochter Melinda (8 Jahre) darf weiterhin am privaten Flötenunterricht teilnehmen. Ihr Bruder Samuel (5 Jahre) hat nun keine Aktivitäten außer Haus mehr und ist traurig darüber. Seine Mutter sagte zu ihm: „Sieh mal die Sonne scheint heute, ist das nicht schön?“ „Oh ja“, meinte er, „dann ist die Sonne mein Hobby“.

Wie oft habe ich im Hospiz Gäste erlebt, die kleine, unscheinbare Dinge und Begebenheiten des Augenblicks genießen konnten, z. B. dass ich mit einem Gast im Garten gemeinsam eine Blume betrachtete und wir uns an ihr erfreuen konnten.

Ein Gast, eine Frau, sagte mir nach einem 45-minütigen Gespräch, in dem auch viele Tränen geflossen sind, dass sie sich noch nie so geöffnet habe. Ich spürte die Nähe zu ihr und bedankte mich für das Vertrauen, das sie mir schenkte.

Es macht mich reich und demütig zugleich, dass ich all diese Erfahrungen, sei es mit meinen Enkelkindern oder mit den Menschen im Hospiz, erleben darf.

Text: Rosemarie Köppner, Foto: Marc Fippel Fotografie